Psychisch kranke Eltern: Die unsichtbare Last – Über das Aufwachsen in gestörten Familien

Verwirrung durch psychisch kranke Eltern. Das Bild symbolisiert die Thematik durch zittrige Leuchtlinien in einer Art Herzform

Es reicht, wenn ein Elternteil nicht bei Trost ist. Aber wenn du zwei psychisch kranke Eltern hast, besteht kaum eine Chance, gesund aus dieser Nummer herauszukommen. Stichworte sind Neurosen, Süchte, Depressionen und … der gesamte Wahnsinn psychischer Erkrankungen.

Es ist einerseits nicht so häufig, dass die meisten damit schon einmal Berührung hatten. Anderseits auch nicht so selten, dass es die absolute Ausnahme darstellt. Wir können das Hochrechnen, wenn wie die steigenden Zahlen der Suchterkrankten nehmen oder diejenigen, die psychologische Hilfe in Anspruch nehmen müssen. Stammst du aus einer solchen Familie?

Ich wollte schon länger darüber schreiben, da ich in einem gestörten Elternhaus aufgewachsen bin. Mein Stiefvater war alkoholkranker Narzisst und was meine Mutter hat, weiß ich nicht, eine Art von hochfunktionaler zwanghafter Persönlichkeitsstörung. Empathie und echte Beziehung fand nicht statt. Die Diagnosen sind nicht offiziell, da diese Leute natürlich nicht zum Psychiater gehen und sich helfen lassen. Es sind Ferndiagnosen, die ich teils mit Psychologinnen verifziert habe oder sich als Indizienkette aus den Beobachtungen ergeben. Ich habe übrigens mal als examinierter Krankenpfleger in der Psychiatrie gearbeitet. Daher bilde ich mir ein, diese Sache beurteilen zu können.

Ich selber habe in meinem Leben mehr Leid erfahren, als es sagbar wäre. Neurotisches Leid. Ich habe eine langjährige Freundin, von der ich weiß, dass ihre Mutter eine schizophrene Psychose hatte und auch bei dieser Freundin, ist das Leid und die Schwierigkeiten im Leben deutlich erkennbar.

Ich finde es wichtig, darüber zu reden. Es ist immer noch schambehaftet und tabuisiert, zuzugeben, psychisch kranke Angehörigen zu haben. Ein Makel, eine Art Strafe, eine Infektion, die vielleicht ansteckend ist. Man meidet diese Leute, die psychisch Erkankten. Aber wer weiß schon, wer psychisch erkrankt ist und wer nicht, oder wer das unselige Zwischenreich bewohnt. Lasst uns darüber reden!

Das verwackelte Protrait eines Mannes in Schwarzweiß symbolisiert die psychische Erkrankung
Psychisch kranke Eltern erzeugen Irritationen, Verwirrung, große Verunsicherung und Traumatisierung

Psychisch kranke Eltern machen dir dein Leben schwer

Es gibt hochfunktionale Familien, die in sich eine gewisse Stabilität erreichen und nach Außen hin ganz normal zu funktionieren scheinen. Lediglich einige Verwandte ahnen, dass da etwas nicht stimmt und lehnen beispielsweise einer der Partner instinktiv ab. Hochfunktional meint, dass diese Familien ganz normal zu funktionieren scheinen: die Eltern verdienen ihren Lebensunterhalten, teilweise ganz gut, man fährt zusammen in den Urlaub, man darf sie besuchen und die Kinder gehen ganz normal zur Schule. Vollkommen unauffällig. Aber was hinter den Kulissen geschieht, will man eigentlich gar nicht so ganz genau wissen.

Die psychischen Störungen sind sehr vielfältig und so ist auch das, was innerhalb der Familien geschieht, nicht linear, sondern von großer Unterschiedlichkeit.

Manchmal herrscht Gewalt, manchmal nur grausame Vernachlässigung; zuweilen ist nur ein Elternteil schwer alkoholabhängig und liegt stinken und völlig besoffen auf der Couch; oder es existiert ein zwanghafter Tagesablauf und grobschächtige Behandlung der Kinder, die man noch nicht wirklich als Gewalt identifizieren kann; Terror ist oft an der Tagesordnung, Hassanfälle, Schrei- und Schimpfanfälle; eine ständige Unberechenbarkeit ist beinahe Standard in diesen Familien, eine nebulöse Bedrohungslage, kaum greifbar und doch real; Stimmungsänderungen, leichte Heiterkeit können trotzdem auftreten und manchmal so etwas wie ein Harmoniegefühl; doch Stress und vor allem emotionale Vernachlässigung, zusammen mit diffuser Bedrohungslage sind praktisch in jeder dieser Familien zu finden.

Traumatisierung der Generationen

Um das noch mal klarzustellen: Psychisch kranke Eltern sind oft selber traumatisiert und haben selber schlimmes Leid erfahren. Das muss klar sein. Die Leiden, die Traumatisierungen, setzen sich nicht selten über Generationen fort. In Deutschland und Europa sind es vor allem die beiden schrecklichen Weltkriege, die dieses Elend in Gang gesetzt haben. So sind meine Eltern durch die Auswirkungen des 2. Weltkriegs auf die Familien, auf ihren Eltern, konkret traumatisiert und als Jugendliche zu Waisen geworden.

Die Väter waren nicht anwesend. In einem Fall zunächst kämpfend als Soldat und später emotional nicht zuständig bzw. nicht verfügbar. Mein Großvater mütterlicherseits gilt im Januar 1945 bei der Verteidigung Ostpreußens (durch den Volkssturm) als verschollen. Meine Mutter wuchs ohne Vater auf. Darüber wollte ich eh noch einmal schreiben.

Fest steht also, dass psychisch kranke Eltern meistens selbst seelische Verletzungen aus ihrer Kindheit erlitten und wahrscheinlich versucht haben, ihr Bestes zu geben. Sie haben uns in diesen disfunktionalen Familien nicht mit Absicht, nicht willentlich missbraucht, beschämt, gekränkt und zerstört. Ihre eigenen unverarbeiteten Störungen waren der Antrieb, eine toxische Familie als normal hinzustellen und die mangelnde Empathie den eigenen Kindern gegenüber gar nicht zu registrieren.

Ein Mensch sitzt hinter einem Vorhang im Schatten. Das Bild symbolisiert psychische Erkrankungen
Psychisch kranke Eltern sind Ursache für vielfältige Symptomatiken. Eine davon: Isolation

Symptome, Konsequenzen und Auswirkungen: Die unsichtbare Last

Erwachsene Kinder psychisch kranker Eltern tragen oft eine unsichtbare Last. Sie übernehmen früh Verantwortung und entwickeln eine tiefe Sensibilität für die Stimmungen und Bedürfnisse ihrer Eltern. Während andere Kinder unbeschwert spielen, sorgen sie sich um den nächsten Zusammenbruch oder eine unvorhersehbare Reaktion. Emotionale Instabilität und unberechenbares Verhalten prägen das Zusammenleben, führen zu tiefen emotionalen Wunden und beeinflussen Beziehungen und Selbstwertgefühl bis ins Erwachsenenalter.

Ich selber habe in der Schule verkackt, einen beschissenen Hauptschulabschluss hingelegt und arbeite seit ich 16 Jahre alt bin. Früh habe ich allerhand psychosomatische Symptome entwickelt. Magen, Darm, Nebenhöhlen, Angstzustände, Depressivität, Hochsensibilität mit allen Konsequenzen. Die neurotische Beschäftigung mit Esoterik waren erfolglose Versuche, dem Leiden, dem Elend zu entkommen.

Am Ende stand die Sucht, Alkohol- und Canabissucht. Die ich allerdings erfolgreich bekämpfen und heilen konnte. Bin seit nunmehr 19 Jahre ohne Suchtmittel. Nur erst jetzt, in diesem Monaten ist mir klar geworden, das ich das Kind psychisch kranker Eltern bin und dass das die Ursache für meine Leiden ist.

Die langfristigen Konsequenzen des Aufwachsens in gestörten Familien sind für alle Betroffenen sehr vielfältig und tiefgreifend. Psychisch kranke Eltern zeitigen komplexe Auswirkungen in den Seelen ihrer Kinder

  • Emotionale Belastungen: Permanente Angst und Sorge können zu chronischem Stress führen. Viele kämpfen mit Angstzuständen, Depressionen oder posttraumatischen Belastungsstörungen.
  • Schwierigkeiten in Beziehungen: Frühe Muster, die Bedürfnisse anderer über die eigenen zu stellen, führen oft zu Co-Abhängigkeiten und Problemen in Beziehungen.
  • Selbstwertprobleme: Das ständige Gefühl, nicht genug zu sein, nagt am Selbstwert.
  • Perfektionismus und Überverantwortlichkeit: Ein starker Drang nach Perfektionismus und Kontrolle kann zu Überforderung und Burnout führen.
  • Isolation und Scham: Die Angst, nicht verstanden zu werden, führt oft zu sozialer Isolation.
Eine Person hinter einer feuchten Glasscheibe legt die Hände ans Fenster. Als Schattenbild symbolisiert es psychische Erkrankungen

Der Weg zur Heilung

Der Weg zur Heilung beginnt oft mit dem Anerkennen und Verarbeiten der eigenen Geschichte. Psychisch kranke Eltern zu haben, ist keine Schande, niemand steht wirklich allein damit. Psychotherapie bietet wertvolle Unterstützung, um alte Wunden zu heilen und neue Perspektiven zu entwickeln. Der Austausch mit anderen Betroffenen kann zudem das Gefühl von Isolation lindern und Mut machen. Es gibt auch spezialisierte Selbsthilfegruppen und Online-Communities, die Raum für Austausch und Unterstützung bieten.

Die Geschichten erwachsener Kinder psychisch kranker Eltern sind von Resilienz und Überlebenswillen geprägt. Ihre Erfahrungen zeigen, wie wichtig es ist, über psychische Erkrankungen zu sprechen und Unterstützung anzubieten. Nur so können wir gemeinsam einen Raum schaffen, in dem Heilung und Verständnis möglich sind. Es ist an der Zeit, das Schweigen zu brechen und die unsichtbare Last dieser Menschen sichtbar zu machen. Und helft den akut betroffenen Kinder, die euch JETZT brauchen!

Hilfelink: www.netz-und-boden.de

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