Emotionales Erbe: Wie Traumata und Familiengeheimnisse vererbt und geheilt werden

Buchcover: Emotionales Erbe

Calit Atlas ist Psychoanalytikerin und das wäre für mich ein Grund, das Buch nicht zu kaufen. Mit Psychoanalyse komme ich nicht gut klar, ich halte sie für überholt. Das Thema des Buches ist es aber ganz und gar nicht: Emotionales Erbe! Es bezeichnet das, was uns subtil, unbewusst und meist nonverbal (epigenetisch) vermittelt wird – und unter dessen Last wir sehr lange leiden können.

Im Bezug auf Familiengeheimnisse und das emotionale Erbe innerhalb der Familie bezieht sich Epigenese auf die Idee, dass Erfahrungen und Umwelteinflüsse in vorherigen Generationen epigenetische Markierungen hinterlassen können, die sich auf die Genexpression und das Verhalten zukünftiger Generationen auswirken können. Das ist nun keine Psychoanalyse.

Familiengeheimnisse, traumatische Ereignisse oder schwere Stressbelastungen in der Vergangenheit können epigenetische Spuren hinterlassen, die möglicherweise auf die nächste Generation übertragen werden. Diese epigenetischen Veränderungen können dazu führen, dass bestimmte Gene aktiviert oder deaktiviert werden, was sich auf das Verhalten, die Gesundheit und die emotionale Reaktion der Nachkommen auswirken kann. Emotionales Erbe halt.

Das Konzept der epigenetischen Vererbung hat noch keine umfassende wissenschaftliche Bestätigung gefunden, aber es ist ein Bereich, der intensiv erforscht wird. Es bietet eine interessante Perspektive auf die Wechselwirkungen zwischen Umwelt, Erfahrungen und Genen und wie diese Faktoren die Entwicklung und das emotionale Erbe innerhalb einer Familie beeinflussen könnten. Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass Epigenetik nur eine von vielen möglichen Erklärungen für das emotionale Erbe in Familien ist und dass die Forschung in diesem Bereich weiterhin fortgesetzt wird.

Mein persönliches psychologisches Erbe aus der Familie

Ich für meinen Teil kann wohl erkennen, dass ich das Trauma das 2. Weltkriegs – und vielleicht auch des 1. – in mir trage. Es war mir als Jugendlicher unmöglich Wehrdienst zu leisten. Ich habe den „Kriegsdienst“ verweigert, was ja mein gutes Recht war.

Ich habe mich später intensiv mit dem 2. Weltkrieg, dem 3. Reich, den Diktaturen in Deutschland und den nachfolgenden Weltordnungen beschäftigt. Es war und ist mir ein echtes Bedürfnis mich mit diesen Themen auseinander zusetzen, weil offensichtlich emotionales Erbe.

Meine Familie mütterlicherseits stammt aus Ostpreußen und musste im Winter 1945 fliehen. Mein Opa Max, von dem ich den 2. Namen trage, musste Ostpreußen gegen die anflutende Rote Armee verteidigen und gilt seit Anfang Februar 1945 als vermisst. An der Folgen von Flucht, Vertreibung und Tod von Freunden und Familienangehörigen starb meine Oma, die ich nicht kennengelernt hab, früh und ließ meine Mutter mit 16 Jahren als Vollwaise zurück. Selbstverständlich wirken sich diese Geschehnisse auf meine Psyche aus.

Vom Buchrücken:

Die Erfahrungen der Menschen, die uns großgezogen haben, formen unser Leben auf eine Weise, die wir nicht immer erkennen. In diesem bahnbrechenden Buch geht es um unser emotionales Erbe, das tiefenpsychologisch wie epigenetisch auf uns wirkt. Ob das die unbeirrbare Resilienz unserer Großmutter ist oder ein dunkles Familiengeheimnis, das uns daran hindert, unser volles Potenzial auszuschöpfen: Unser emotionales Erbe erzeugt Muster; Galit Atlas zeigt anhand von vielen Fallbeispielen, wie man sie erkennt – und auflöst.

Dr. Atlas‘ Buch bietet tiefe psychologische Einblicke in vererbte Traumata und Familiengeheimnisse – und wird zweifellos Ihr Leben verändern.

Christie Tate

Marie-Thérèse Fleischer schreibt in ihrer Rezension von Atlas Emotionales Erbe auf SPEKTRUM.DE: in den berührend beschriebenen Schicksalen spiegelt sich die Kompetenz und Geduld der Therapeutin, die Problemen auf den Grund geht, um ihren Patienten zu helfen. Der Respekt vor ihrer Arbeit bleibt groß – nur die Vermittlung ihrer Botschaft hätte kürzer und wissenschaftlich fundierter ausfallen können.

Das vorliegende Buch ist eine ernste Lektüre und man muss große Bereitschaft aufbringen, sich mit den Familienschicksalen anderer Leute zu beschäftigen. Aber was heißt „anderer Leute“? Jede Mensch hat so eine Geschichte, ein emotionales Erbe, das es wert ist, beleuchtet zu werden. Ob mit therapeutischer Unterstützung – dazu braucht es keine Psychoanalyse – oder durch die Lektüre eines tiefgründigen Buchs.

Emotionales Erbe – Eine Therapeutin, ihre Fälle und die Überwindung familiärer Traumata

von Calit Atlas
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256 Seiten, DuMont Buchverlag (2023)
ISBN 3832181253
Gebundenes Buch 24,- Euro

Calit Atlas ist Psychoanalytikerin und klinische Supervisorin. Sie hat zudem eine private Praxis in Manhattan und ist Fakultätsmitglied des New York University Postdoctoral Program in Psychotherapy and Psychoanalysis. Galit Atlas hat drei Fachbücher sowie zahlreiche Artikel veröffentlicht, die sich vor allem mit Gender und Sexualität befassen. Sie ist führend auf dem Gebiet der relationalen Psychoanalyse und wurde mit dem André François Research Award und dem NADTA Research Award ausgezeichnet. Galit Atlas unterrichtet und hält Vorträge.

Dr. Atlas erklärt mit einfachen Worten, wie wir unser psychologisches Erbe verstehen und überwinden können.

Juliet Rosenfeld
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