Vergiss zunächst das „dunkle Mittelalter“. Wer die Hexenverfolgung dort verortet, sitzt bereits einem der hartnäckigsten Irrtümer auf. Die großen Verfolgungswellen gehören vor allem in die Frühe Neuzeit, also in jene Epoche, in der Buchdruck, Wissenschaft und neue Formen öffentlicher Kommunikation längst an Bedeutung gewannen. Genau dieser Widerspruch macht Kai Lehmanns Hexen vor Gericht! so interessant.
Lehmann interessiert sich weniger für Hexen als für die Menschen, die an sie glaubten. Wie konnte aus einem Verdacht ein Prozess werden? Warum gerieten bestimmte Personen ins Visier? Weshalb eskalierte die Hexenverfolgung in manchen Regionen, während andere weitgehend verschont blieben? Und was geschieht mit einer Gesellschaft, wenn Angst irgendwann überzeugender wirkt als ein Beweis?
Hexenprozesse entstehen nicht aus dem Nichts
Eine Stärke des Buches ist sein alltagshistorischer Blick. Lehmann betrachtet nicht nur Obrigkeit, Kirche und Gerichte. Er rekonstruiert eine Gesellschaft, die unter enormem Druck stand. Kleine Eiszeit, Seuchen und Kriege trafen auf Kindersterblichkeit, Krankheiten, Viehseuchen, Erbstreitigkeiten, Gewalt und Konflikte unter Nachbarn.
Für uns besitzen viele dieser Ereignisse erklärbare Ursachen. Menschen des 16. und 17. Jahrhunderts lebten dagegen in einer Welt, in der Magie als reale Möglichkeit galt. Starb plötzlich eine Kuh, verdarb die Ernte oder erkrankte ein Kind, konnte der Verdacht aufkommen, jemand habe nachgeholfen.
Das Beunruhigende daran: Die Beteiligten mussten sich keineswegs als irrational empfinden. Innerhalb ihres Weltbildes konnte die Suche nach einem Schuldigen durchaus folgerichtig erscheinen. Gerade diese innere Logik nimmt Lehmann in Hexen vor Gericht ernst – ohne den Irrsinn ihrer Konsequenzen zu verharmlosen.
Kai Lehmann gibt den Angeklagten ihre Namen zurück
Hinter Hexen vor Gericht steckt umfangreiche Quellenarbeit. Lehmann ist Historiker, Museumsdirektor und Leiter des Museums Schloss Wilhelmsburg in Schmalkalden. Zu seinen Spezialgebieten gehören Zeugnisse und Kirchenbücher des einfachen Volkes vom 16. bis zum 18. Jahrhundert.
Das merkt man. Zahlen sind bei ihm Ausgangspunkt, nicht Endpunkt. Für Europa wird von etwa 40.000 bis 60.000 Hinrichtungen wegen vermeintlicher Hexerei ausgegangen. Doch sobald Opfer nur noch als Statistik vorkommen, entsteht historische Distanz.
Lehmann arbeitet dagegen mit dokumentierten Fällen und einer über Jahre aufgebauten Datensammlung zu Prozessorten. Dadurch rücken Menschen, Familien und lokale Konflikte ins Zentrum. Der Hexenprozess wird wieder das, was er tatsächlich war: keine bizarre Episode aus einer sagenhaften Vergangenheit, sondern eine Katastrophe für konkrete Menschen.
Massenmedien befeuern den Hexenwahn
Besonders aktuell wirkt Lehmanns Beschäftigung in Hexen vor Gericht mit der Kommunikation. Hexenprozesse brauchten nicht nur Richter und Ankläger. Vorstellungen über Hexerei mussten verbreitet, bestätigt und immer wieder erzählt werden.
Der Buchdruck hatte dafür neue Möglichkeiten geschaffen. Berichte konnten zirkulieren, spektakuläre Fälle Aufmerksamkeit erzeugen und Vorstellungen davon prägen, wie eine vermeintliche Hexe handelte. Was Menschen ohnehin für möglich hielten, bekam durch mediale Wiederholung zusätzliche Glaubwürdigkeit.
Natürlich ist ein frühneuzeitliches Flugblatt kein Social-Media-Post. Ein vorschneller Vergleich würde mehr verwischen als erklären. Der zugrunde liegende Mechanismus wirkt trotzdem verblüffend vertraut: Angst sucht Bestätigung, spektakuläre Behauptungen reisen besonders schnell und Wiederholung kann den Eindruck erzeugen, eine Behauptung müsse wahr sein.
Warum die Hexenverfolgung kein Frauenthema allein ist
Auch ein populäres Bild wird differenziert. Frauen stellten mit ungefähr fünf von sechs Opfern die deutliche Mehrheit der europäischen Hinrichtungen. Trotzdem wäre es falsch, die Geschichte ausschließlich als Verfolgung von Frauen zu erzählen. Regionale Unterschiede waren beträchtlich, und auch Männer gerieten in die tödliche Maschinerie.
Gerade solche Differenzierungen machen Hexen vor Gericht überzeugend. Lehmann braucht keine zusätzlichen Schreckenseffekte. Das historische Material ist erschütternd genug.
Seine Darstellung führt zudem weg von der bequemen Vorstellung, die Täter seien schlicht fanatische Monster gewesen. Gefährlicher ist eine andere Erkenntnis: Verfolgung kann entstehen, wenn ganz gewöhnliche Menschen innerhalb eines allgemein akzeptierten Weltbildes handeln und Institutionen ihre Ängste in vermeintlich rechtmäßige Verfahren übersetzen.
Erinnerung statt Hexenromantik
Damit bekommt das Hexen vor Gericht auch kulturpolitische Brisanz. Hexen gehören heute zu Halloween, Walpurgisnacht und Tourismus. Spitzhut, Besen und Hexenfeuer haben aus einem historischen Verbrechen eine folkloristische Figur gemacht.
Lehmann betrachtet diesen Umgang kritisch. Seine Position ist nachvollziehbar: Wer von Hexenverfolgung spricht, spricht letztlich nicht über magische Frauen, sondern über Menschen, die aufgrund eines erfundenen Verbrechens verfolgt, gefoltert und getötet wurden.
Das verlangt keine Abschaffung jeder Hexenfigur aus Märchen und Popkultur. Aber es verlangt ein Bewusstsein dafür, dass hinter dem Mythos eine reale Verfolgungsgeschichte steht.
Was „Hexen vor Gericht!“ so gegenwärtig macht
Am stärksten ist das Buch dort, wo es die Vergangenheit nicht künstlich modernisiert. Lehmann muss keine direkte Linie von den Hexenprozessen zu heutigen Shitstorms oder Verschwörungserzählungen ziehen. Die Parallelen entstehen beim Lesen ohnehin.
Eine Gesellschaft gerät in Krisen. Menschen verlieren Gewissheiten. Komplexe Ursachen verlangen komplizierte Erklärungen, während einfache Schuldzuweisungen emotional viel befriedigender sind. Gerüchte verbreiten sich. Eine Gruppe wird verantwortlich gemacht. Schließlich bestätigen Institutionen, was ohnehin schon viele glauben.
Genau deshalb ist Hexen vor Gericht mehr als ein Sachbuch über Hexenverfolgung. Kai Lehmann rekonstruiert die Anatomie gesellschaftlicher Angst. Seine 432 Seiten erzählen von der Frühen Neuzeit – aber sie schärfen zugleich den Blick dafür, wie schnell aus Unsicherheit Gewissheit, aus Gerüchten Anklagen und aus Anklagen Verfolgung werden kann.
Wer verstehen möchte, wie Gesellschaften in kollektive Verfolgungsmechanismen geraten, findet hier ein ebenso fundiertes wie verstörendes Buch. Vielleicht liegt darin seine wichtigste Erkenntnis: Die Menschen der Hexenprozesse waren keine fremdartige Spezies aus einer irrationalen Vergangenheit. Sie waren Menschen. Genau deshalb geht uns ihre Geschichte noch immer etwas an.

Hexen vor Gericht! – Krisen, Angst und Massenmedien vor 1800. Hexenprozesse in Deutschland
von Kai Lehmann
Verlag: Theiss in der Verlag Herder GmbH
Erscheinungsjahr: 2026
Seitenzahl: 432
Kategorie: Geschichte / Frühe Neuzeit / Hexenverfolgung
Erstausgabe 2026
Leseprobe Hexen vor Gericht!
https://media.herder.de/leseprobe/978-3-534-61196-6/index.html


