Am Grillabend ist kein Thema zu klein. Die Tabelle, der neue Akkuschrauber, die alte Zerrung aus der Kreisliga. Sogar über Bandscheiben wird geredet, solange es die von den Kollegen sind.
Nur ein Satz fällt nie: Ich war beim Arzt. Einfach so, zur Kontrolle.
Dabei wäre genau das die Nachricht des Abends. Stattdessen gibt es den wohl häufigsten Selbstbefund des Landes: Mir fehlt ja nichts. Erhoben ohne Untersuchung, ausgestellt ohne Blutbild, gültig bis auf Widerruf.
Warum gehen Männer nicht hin?
Die kurze Antwort: weil Nicht-Hingehen wie Stärke aussieht. Wer durchhält, gilt als belastbar, wer nachfragt, macht sich verdächtig. Der starke Mann hat keine Beschwerden, er hat höchstens viel zu tun.
Die längere Antwort ist unbequemer. Ein Termin beim Hausarzt kostet weniger Zeit als ein Baumarktbesuch. Am Kalender liegt es also selten. Es liegt an der Geschichte, die viele von uns über den eigenen Körper erzählen: Er funktioniert, Punkt. In die Werkstatt fährt man erst, wenn es klappert.
Diese Geschichte beginnt früh. Der Junge, der nicht weinen soll, wird zum Teenager, der sich nichts anmerken lässt, und der wird zum Mann, der erst beim Ultraschall zugibt, dass da seit Monaten etwas drückt. Niemand hat uns das als Regel aufgeschrieben. Es hat trotzdem jeder gelernt.
Beim Auto würde diese Logik übrigens niemand akzeptieren. Den TÜV ausfallen zu lassen, weil der Motor gerade läuft, käme keinem in den Sinn. Scheckheftgepflegt ist ein Verkaufsargument. Nur beim eigenen Körper gilt das Scheckheft als Übertreibung.
Was das kostet
Männer in Deutschland leben im Schnitt 78,8 Jahre, Frauen 83,4. So meldet es das Statistische Bundesamt. Das sind rund viereinhalb Jahre Unterschied, und die fallen nicht vom Himmel.
Ein Teil davon steckt in einem einzigen Muster: hingehen oder nicht hingehen. Die Techniker Krankenkasse hat ausgewertet, wer die von den Kassen bezahlte jährliche Krebsfrüherkennung tatsächlich nutzt, beim Mann ist das vor allem die Prostata-Untersuchung. Ergebnis für 2017: rund 27 Prozent der Männer über 45. Bei den Frauen über 20, mit ihrer Früherkennung beim Frauenarzt, waren es rund 58 Prozent. Die Untersuchung kostet nichts. Trotzdem holt sie kaum jemand ab. Welche Untersuchungen ab wann anstehen, wurde hier übrigens schon einmal aufgeschrieben.
Das Heimtückische, hier schon zum Weltherztag notiert: Viele dieser Risiken tun nicht weh. Bluthochdruck meldet sich meist nicht. Cholesterin zwickt nicht. Wer wartet, bis etwas wehtut, wartet oft genau so lange, bis aus einem Wert eine Diagnose geworden ist.
Das Märchen vom Warnsignal
Der Körper schickt keine Push-Nachrichten. Er hat kein Update-Fenster, das so lange aufpoppt, bis man endlich klickt. Was er hat, sind stille Verläufe: Blutdruck, Blutzucker, Blutfette. Und Organe, über die ohnehin niemand spricht, die Blase zum Beispiel.
Viele Männer kennen ihre PS-Zahl, ihren Verbrauch auf hundert Kilometer und den Reifendruck vorne links. Den eigenen Blutdruck kennen sie nicht.
Das ist keine Dummheit, das ist antrainiert. Jahrzehnte der Übung darin, den eigenen Körper für selbstverständlich zu halten. Müdigkeit wird zu Stress erklärt, Kurzatmigkeit zum Alter, das Ziehen in der Brust zur Verspannung. Irgendeine Erklärung findet sich immer. Nur eine Untersuchung findet nicht statt.
Stärke, neu gerechnet
Dabei gibt es eine einfachere Rechnung: Stärke heißt, den eigenen Zustand zu kennen und danach zu handeln. Der Satz dazu fiel hier schon einmal, beim Thema Badeunfälle: Echte Stärke zeigt sich nicht darin, Grenzen zu ignorieren, sondern darin, sie zu kennen. Das gilt an Land genauso.
Der Arzttermin ist dafür erst der Anfang. Dazwischen liegt der Alltag: Kraft, Schlaf, Bewegung, die Grundlagen, die einem niemand abnimmt. Wer es strukturiert mag, baut sie mit einer Coaching-App wie huuman auf. Wer es lieber analog mag, nimmt die Treppe und trägt die Getränkekisten selbst. Hauptsache, es passiert vor der Diagnose und nicht erst danach.
Für Väter kommt noch ein Argument dazu: Männergesundheit ist Vätergesundheit. Kinder lernen nicht aus Vorträgen, sie lernen am Modell. Ein Sohn, der sieht, dass sein Vater zur Vorsorge geht, lernt: Das gehört dazu. Ein Sohn, der sieht, dass der Vater jedes Zwicken wegwitzelt, lernt das eben auch. Wer Kinder hat, hat damit einen Grund mehr, den eigenen Werten nicht aus dem Weg zu gehen. Und zwar nicht irgendwann, sondern in einem Alter, in dem die Ergebnisse noch langweilig sind.
Was zählt
Niemand muss zum Gesundheitsapostel werden. Ein Termin im Jahr mit Blutbild, dazwischen mal den Blutdruck messen, das geht nebenbei in der Apotheke. Das ist keine Schwäche und kein Drama. Das ist Wartung.
Der starke Mann geht nicht zum Arzt? Doch. Genau der.
Wann warst du zuletzt?
Quellen und Hintergründe zum Thema Männer und Vorsorge
- Statistisches Bundesamt: Sterbefälle und Lebenserwartung. Sterbetafel 2023/2025: Männer 78,8 Jahre, Frauen 83,4 Jahre. https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Sterbefaelle-Lebenserwartung/_inhalt.html
- Ärzte Zeitung: Nur jeder vierte Mann geht zur Früherkennung. TK-Auswertung für 2017: rund 27 Prozent der Männer über 45, rund 58 Prozent der Frauen über 20. https://www.aerztezeitung.de/Politik/Nur-jeder-vierte-Mann-geht-zur-Frueherkennung-231633.html
- Bundesministerium für Gesundheit: Krebsfrüherkennung. Überblick über die Untersuchungen, die die gesetzlichen Kassen zahlen. https://www.bundesgesundheitsministerium.de/krebsfrueherkennung


