Es gibt Sätze, die entlarven mehr als sie erklären. Dieter Nuhrs Bemerkung zu Femiziden ist so ein Satz. Er ist nicht daneben. Er ist zynisch. Er verschiebt Verantwortung. Und er macht das mit der Leichtigkeit eines Mannes, dem das Thema schlicht egal ist.
Zitat Dieter Nuhr in „Nuhr im Ersten XXL“ Sendung vom 18. Juni 2026:
Es gibt etwa 300 bis 350 Frauenmorde jedes Jahr und bitte, natürlich sind das 300 bis 350 zu viel, das ist doch keine Frage. Aber es gibt in Deutschland zig Millionen Männer. Die Wahrscheinlichkeit, in einer Beziehung auf einen Frauenmörder zu treffen, ist praktisch null. Zur Sicherheit wäre es nicht schlecht, wenn man den Partner vor dem Geschlechtsverkehr vielleicht einfach erst mal kennenlernt. Vielleicht einfach mal fragen, ob er nebenberuflich als Frauenmörder tätig ist.
Femizid ist kein Diskussionsstil
Femizide sind Frauenmorde. Keine Beziehungsdramen. Keine tragischen Einzelfälle. Frauenmorde, weil es Frauen sind.
Wer das in eine Pointe gießt, zeigt, wie tief die Gewöhnung an männliche Gewalt sitzt. Die Tat schrumpft sprachlich. Die Opfer verschwinden. Und am Ende steht eine Frage, die längst beantwortet ist: War das wirklich so gemeint?
Ja. War es.
Wenn Täterlogik zur Pointenlogik wird
Nuhrs Aussage ist eine Verschiebung. Weg von den Tätern. Hin zur Selbstinszenierung. Weg von der Realität. Hin zur cleveren Zuspitzung auf Kosten der Toten.
Wer über Femizide Witze macht, sollte wissen, worüber er lacht. Über Tote? Über Hinterbliebene? Über Frauen, die jeden Tag mit männlicher Gewalt leben? Das ist nicht mutig. Das ist billig.
Warum mich das persönlich trifft
Ich schreibe das nicht aus Distanz. 2010 wurde eine Frau aus meiner Familie von ihrem Mann erstochen. Der Richter fand mildernde Umstände. Das Urteil: 9,5 Jahre wegen Totschlags.
Das war ein Femizid.
Ich habe eine Tochter. Ich kenne männliche Gewalt nicht aus Statistiken, sondern aus dem Leben. Wer Frauenmorde verharmlost, spielt nicht mit Sprache. Er spielt mit Wirklichkeit.
Das alte Muster
Was nach solchen Aussagen kommt, ist bekannt. Erst wird relativiert. Dann heißt es, man sei falsch verstanden worden. Am Ende sind wieder alle zu empfindlich — nur der Sprecher selbst nicht.
Dieses Muster ist so alt wie bequem. Es schützt nicht die Debatte. Es schützt den, der sich nicht erklären will.
Ich erwarte nichts anderes von Nuhr. Eine knappe Bemerkung in der nächsten Sendung. Ein Augenrollen. Vielleicht ein müdes „Jetzt darf man also gar nichts mehr sagen.“ Und sein Publikum wird lachen. Weil es das immer tut.
Kein Kabarett. Kalkül.
Nuhr inszeniert sich seit Jahren als jemand, der Dinge einfach mal ausspricht. Aber Zuspitzung ohne Verantwortung ist keine Kunst. Sie ist Pose.
Er ist nicht mehr lustig. Nicht, weil Humor verboten wäre. Sondern weil sein Humor seit Jahren an derselben Stelle landet: bei Abwertung, Spott und billiger Selbstgefälligkeit. Das ist nicht subversiv. Das ist populistisch.
Was zählt
Es geht nicht darum, ob man über alles lachen darf. Es geht darum, wen ein Witz trifft.
Femizide sind kein Anlass für Ironie. Sie sind ein Anklagepunkt gegen eine Gesellschaft, die männliche Gewalt zu oft hinnimmt, wegmoderiert und sprachlich entschärft.
Wer das nicht sehen will, hat das Problem nicht verstanden.
Wer darüber lacht — erst recht nicht.
Beiträge zum Thema Dieter Nuhr & Femizide
- n-tv: „Dieter Nuhr empört mit Witz über Femizide – ARD nimmt Stellung“ — beschreibt die Aussage und die Reaktionen darauf: n-tv
- Deutschlandfunk Kultur: „Kritik wegen Äußerungen zu Femiziden – Kabarettist Nuhr weist Vorwürfe zurück“ — dokumentiert Nuhrs Reaktion und die Kritik: deutschlandfunkkultur
- web.de: „Pointe über Femizide: Kritik an Dieter Nuhr“ — ordnet den ARD-Auftritt und die Social-Media-Reaktionen ein: web
- taz: „Witze über Frauenmorde von Dieter Nuhr“ — kommentiert die Aussage scharf und verknüpft sie mit Misogynie: taz
- Tagesspiegel: „Shitstorm nach Witzen über Femizide: Dieter Nuhr ist strukturell unlustig“ — kritisiert die Pointe als verharmlosend: tagesspiegel
- BKA-Pressemitteilung: „Straftaten gegen Frauen und Mädchen nehmen weiter zu“ — liefert aktuelle Zahlen zu Gewalt gegen Frauen in Deutschland: bka
- Frauenhauskoordinierung: „Femizide in Deutschland: Neue Publikationen zeigen massive …“ — verweist auf die strukturelle Einordnung von Femiziden: frauenhauskoordinierung
- onebillionrising.de: „Femizid Deutschland 2026“ — Kampagnenseite mit Forderung nach Ursachenbekämpfung. www.onebillionrising.de/femizide-2026/
In liebervoller und immer wieder todtrauriger Erinnerung an meine wundervolle große Schwester Christa Heitmann, die 2010 von Ihrem Mann in einem gescheiterterten sog. erweiterterten Selbstmord erstochen wurde.



