Zusammen mit meine Mutter (84), meinem Halbbruder und einer guten Freundin, deren Mutter ebenfalls Flüchtlingskind war, gingen wir Sonntagvormittag ins Kino und sahen unsere Familiengeschichte in der eindrucksvollen Doku Ostpreußen – Entschwundene Welt!
Manchmal bringt ein Film Erinnerungen zum Klingen, die man selbst nur aus Erzählungen kennt. Als ich in diesem Jahr den Dokumentarfilm Ostpreußen – Entschwundene Welt im Kino gesehen habe, musste ich weinen. Besonders der Anfang hat mich tief getroffen: die Zerstörung, die Flucht, das unermessliche Elend der Menschen. Auf einmal war meine eigene Familiengeschichte ganz nah. Meine Großmutter. Meine Mutter. Und mein Großvater Max, dessen Namen ich als zweiten Vornamen trage.
In rund 100 Minuten erzählt Regisseur Hermann Pölking von Ostpreußen in den Jahren 1912 bis 1945. Historische Filmaufnahmen machen eine Lebenswelt sichtbar, die mit dem Zweiten Weltkrieg unwiederbringlich zerbrach. Für mich wurde dieser Kinobesuch zu einer Begegnung mit der Herkunft meiner Familie.
Ostpreußen im Kino: Ein Anfang, der den Verlust vorwegnimmt
Der Dokumentarfilm beginnt mit der Katastrophe ab 1944. Erst danach führt er zurück in die früheren Jahrzehnte. Diese Erzählweise prägt den Blick auf alles, was folgt: Wenn das alltägliche Leben auf der Leinwand erscheint, kennen wir sein Ende bereits.
Mich haben die Bilder vom Vormarsch der sowjetischen Armee, von Zerstörung und fliehenden Menschen unmittelbar getroffen. Das Leid bekam für mich eine persönliche Nähe. Denn zu dieser Geschichte gehört eine offene Wunde meiner Familie.
Mein Großvater kehrte aus dem Krieg nicht zurück.
Mein Großvater Max: Eine Leerstelle in unserer Familiengeschichte
Mein Großvater Max wurde, soweit ich weiß, noch mit etwa Mitte vierzig eingezogen. Seine Spur verliert sich im Zusammenhang mit Lötzen in Ostpreußen. Vermutlich ist mit der Festung, von der in unserer Familie gesprochen wurde, die Feste Boyen gemeint. Sie liegt auf einer schmalen Landenge zwischen zwei Seen. Das passt zu den Erzählungen, an die ich mich erinnere.
Nach unserer Familienüberlieferung sollte sein Einsatz dazu beitragen, anderen Menschen die Flucht zu ermöglichen. Was tatsächlich mit ihm geschah, wissen wir bis heute nicht. Ob er bei Kämpfen starb, unter Trümmern ums Leben kam oder ein anderes Schicksal erlitt, bleibt ungewiss. Er wurde vermisst.
Meine Großmutter hat diesen Verlust nie verwunden. Ihr Mann kam nicht zurück. Es gab keine Gewissheit darüber, wie sein Leben geendet hatte. Diese offene Frage begleitete sie weiter.
Im Kino habe ich daran gedacht, wie schwer das gewesen sein muss. Einen Menschen zu verlieren und nicht einmal zu wissen, was ihm widerfahren ist. Jahrzehnte später gehört diese Ungewissheit noch immer zu unserer Familiengeschichte.

Historische Filmaufnahmen machen Ostpreußen wieder sichtbar
Die besondere Stärke von „Ostpreußen – Entschwundene Welt“ liegt für mich in den historischen Bildern. Der Film verzichtet auf nachgestellte Szenen und neu aufgenommene Interviews. Ein großer Teil der Aufnahmen stammt von Amateurfilmern. Hinter dem zusammengetragenen Material stehen zwölf Jahre Recherche.
Menschen filmten, was ihnen damals wichtig, schön oder bemerkenswert erschien. Gerade darin liegt eine besondere Nähe. Die Aufnahmen bewahren Ausschnitte eines Lebens, dessen späteres Ende beim Filmen häufig noch niemand absehen konnte.
Vor allem die Farbaufnahmen lassen die zeitliche Entfernung für mich kleiner werden. Vergangenheit bekommt Bewegung und etwas beinahe Gegenwärtiges. Die Menschen auf der Leinwand hatten ihren Alltag, ihre Beziehungen und ihre Pläne. Ihre Welt war ihnen so vertraut wie uns unsere heute.
Auf der großen Kinoleinwand entfaltet das eine starke Wirkung. Die Bilder bekommen Raum. Damit wächst auch die Vorstellung davon, was diese Heimat ihren Bewohnern bedeutet haben muss.
Allerdings bleiben historische Aufnahmen Ausschnitte. Sie zeigen, was jemand filmen konnte und wollte. Auch sorgfältig recherchiertes Material bildet eine Gesellschaft mit all ihren Widersprüchen niemals vollständig ab. Der Film öffnet ein Fenster, durch das wir auf diese Vergangenheit schauen können.
Der ostpreußische Sprachklang gehört zu meinen Erinnerungen
Meine Mutter stammt aus Ostpreußen. Von meinen Großonkeln kenne ich noch diesen besonderen Sprachklang: die Färbung der Wörter, den Tonfall, diesen unverwechselbaren Sound. Wenn ich mich daran erinnere, höre ich zugleich die Menschen wieder, die so gesprochen haben.
Beim Anschauen des Films habe ich sie vermisst.
Mit dem Verlust der alten Heimat verbindet sich inzwischen ein weiterer Abschied. Fast alle Menschen meiner Familie, die mir unmittelbar davon erzählen konnten, sind gestorben. Meine Mutter lebt noch. Sie gehört bei uns zu den Letzten dieser Generation.
Mit jedem Menschen verschwindet eine eigene Perspektive auf die Familiengeschichte. Eine Stimme verstummt. Eine Redewendung wird nicht mehr gebraucht. Eine Erinnerung lässt sich nicht mehr nachfragen.
Der Film kann diese Menschen nicht zurückbringen. Aber er gibt meinen Gedanken an sie einen sichtbaren Ort.
Heimatverlust und deutsche Verantwortung gehören zusammen
Wenn ich über Ostpreußen und meine Familiengeschichte schreibe, gehört die historische Verantwortung dazu. Das nationalsozialistische Deutschland brachte Krieg und Vernichtung über Europa. Diese Verantwortung bleibt bestehen, auch wenn wir vom Leid der eigenen Angehörigen erzählen.
Ebenso muss Raum sein für das Entsetzen über Gewalt gegen Zivilisten, Flucht und Vertreibung sowie über das Unrecht der stalinistischen Diktatur. Hinter diesen Begriffen stehen einzelne Menschen. Familien, die auseinandergerissen wurden. Angehörige, die vergeblich auf eine Rückkehr warteten.
Mit dieser Haltung sehe ich den Film. Seine Bilder zeigen eine frühere Lebenswelt. Meine Familiengeschichte und mein Wissen um die historischen Zusammenhänge begleiten meinen Blick.
Warum dieser Film für kommende Generationen wichtig ist
Ostpreußen – Entschwundene Welt ist für mich ein wunderschöner und zutiefst trauriger Dokumentarfilm. Er bewahrt Bilder einer Heimat, die in meiner Familie noch lange gegenwärtig war und nun immer weiter in die Vergangenheit rückt.
Ich wünsche mir, dass auch unsere Kinder, Enkel und Urenkel solche Filme sehen. Sie können helfen, die eigene Familiengeschichte besser zu verstehen: Woher kamen unsere Angehörigen? Was mussten sie zurücklassen? Welche Verluste haben ihr weiteres Leben geprägt?
Vor allem wünsche ich mir, dass wir nachfragen, solange noch jemand antworten kann.
Nach diesem Kinobesuch bleibt für mich der Gedanke an Max. Ich habe meinen Großvater nie kennengelernt. Ich trage seinen Namen. Im Kino habe ich sehr deutlich gespürt, wie viel von einem Menschen bleiben kann, dessen Schicksal niemand kennt.
https://neuelloyd.com/ostpreussen-entschwundene-welt/
Städtenamen, die ich aus Erzählungen meiner Mutter erinnere
Geradauen, Domhardtsfelde, Labiau. Es gabe zwei Familien aus Ostpreußen. Die meiner Mutter und die von Elisabeth, die Onkel Emil geheiratet hatte. Sie hatten sich in Berlin kennengelernt, hatte beide schon lange vor dem Krieg ihre Heimat verlassen, denn dort war für manche nicht viel zu gewinnen.
Ich stieß auf das PDF einer Ausgabe des Ostpreussenblatts, in dem Domhardtsfelde, das Dorf aus dem meine Mutter mit der Familien Mauscherning stammt. Ich bilde es der Vollständigkeit halber hier ab.