„Was zählt“ von Katrin Wilkens: 50 Listen gegen das Chaos des Lebens

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Was zählt

Katrin Wilkens beginnt mit einer ziemlich verdächtigen Idee: 50 Listen sollen uns durchs Leben begleiten. In einer Zeit, in der ohnehin alles vermessen, bewertet und optimiert wird, klingt das zunächst wie die gedruckte Schwester einer Selbstoptimierungs-App. Mehr Schritte, besser schlafen, effizienter arbeiten – und jetzt womöglich noch fünfzig Listen abhaken? Doch „Was zählt“ setzt genau an diesem Unbehagen an. Die Autorin versteht ihre Sammlung ausdrücklich nicht als Pflichtprogramm, sondern als Angebot zum Stöbern, Streichen, Ergänzen und Widersprechen.

Das ist ein wichtiger Unterschied. Denn Wilkens listet Dinge auf, die sich einer objektiven Rangordnung eigentlich entziehen: Welche Bücher sollte ein gebildeter Mensch kennen? Welche Filme gehören zum kulturellen Handgepäck? Was ist gutes Benehmen? Wie wird man politisch? Was sollte man kochen können? Wie führt man eine Gehaltsverhandlung, wie kondoliert man angemessen, wie übersteht man eine Krise? Das Spektrum reicht laut Verlagsmaterial von Kochen und Kunst bis Philosophie und Physik.

Ordnung ist schön – solange sie nicht zur Vorschrift wird

Die eigentliche Qualität der 50 Listen liegt deshalb nicht unbedingt in ihren Antworten. Interessanter ist die Reibung, die sie erzeugen. Sobald jemand behauptet, bestimmte Bücher müsse man gelesen oder bestimmte Filme gesehen haben, meldet sich schließlich der innere Widerspruchsgeist. Warum dieses Werk? Warum jenes nicht? Wer entscheidet überhaupt, was Bildung bedeutet?

Genau darin steckt eine gesellschaftlich interessante Frage. Listen wirken neutral, sind es aber nie. Jede Auswahl verrät etwas über Herkunft, Erfahrung, Geschmack, Generation und Milieu des Menschen, der sie zusammenstellt. „Was zählt“ macht aus dieser Subjektivität keinen Makel. Wilkens räumt selbst ein, dass ihre Zusammenstellungen unvollständig sind. Du sollst sie nicht ehrfürchtig abarbeiten, sondern dich an ihnen stoßen dürfen. Das unterscheidet das Konzept angenehm von jenen Ratgebern, die aus persönlichen Vorlieben gern allgemeingültige Lebensgesetze machen.

Auch die Gestaltung unterstützt diesen spielerischen Charakter. Das Buch ist vierfarbig illustriert; Imke Praetz steuert die Illustrationen bei. Bereits die im Pressematerial abgebildeten Beispielseiten vermitteln den Eindruck eines Buches, das nicht nach Tabellenkalkulation aussehen möchte, obwohl es Ordnung verspricht.

Was zählt, wenn ständig alles optimiert werden soll?

Besonders zeitgemäß ist Wilkens’ Widerstand gegen den Optimierungsreflex. Wir zählen Schritte, Kontakte, Kalorien, Arbeitsstunden und Emissionen. Das Leben wird zur Kennzahl. 50 Listen könnten diesen Reflex problemlos weiterfüttern – doch Wilkens dreht das Prinzip um. Ihre Listen sollen keine neue Messlatte sein.

Das ist vielleicht der klügste Gedanke von „Was zählt“: Eine Liste muss nicht vollständig sein, um nützlich zu werden. Sie kann ein Gespräch eröffnen. Sie kann Erinnerungshilfe, Provokation oder Ausgangspunkt einer eigenen Auswahl sein. Im Gespräch mit BR24 bezeichnet Wilkens Listen als eine unkomplizierte Form, Selbstwirksamkeit erfahrbar zu machen. Zugleich betont sie deren grundsätzlich vorläufigen Charakter: Während wir ordnen, geht das Leben weiter.

Darin liegt auch der Charme dieses Formats. Eine Liste verspricht für einen Augenblick Übersicht über eine Welt, die sich nicht übersichtlich verhalten will.

Zwischen Lebenshilfe, Bildungskanon und Gesprächsstoff

Natürlich besitzt das Konzept eine Sollbruchstelle. Wer Listen über Bildung, Kultur oder angemessenes Verhalten formuliert, bewegt sich schnell zwischen hilfreicher Orientierung und Bildungsbürger-Bingo. Gerade die Frage, was man gelesen oder gesehen haben „sollte“, trägt kulturelle Werturteile mit sich herum. Doch ein Buch wie „Was zählt“ gewinnt, wenn du diese Setzungen nicht als Gesetz liest, sondern als Behauptungen, gegen die du deine eigenen stellst.

So werden die 50 Listen im besten Fall zu 50 Gesprächsanlässen. Nicht: „Das musst du wissen.“ Sondern: „Was würdest du hier eintragen?“ Das klingt nach einer kleinen Verschiebung, verändert aber die Haltung zum ganzen Buch.

Wilkens, Jahrgang 1971, arbeitet als freie Journalistin in Hamburg, hat Rhetorik und Kulturwissenschaft studiert und unter anderem für ZEIT, Süddeutsche Zeitung, Eltern und SPIEGEL geschrieben. Dieser journalistische Hintergrund passt zum Prinzip des Buches: Themen zuspitzen, Auswahl treffen, Komplexität reduzieren – wohl wissend, dass hinter jedem Listenpunkt eine viel größere Geschichte wartet.

„Was zählt“ ist damit kein Lebensplan auf 192 Seiten. Eher ein gut gelaunter Einspruch gegen die Vorstellung, dass Lebensklugheit überhaupt abschließend katalogisiert werden könnte. Vielleicht ist das die schönste Pointe dieser 50 Listen: Sie versuchen Ordnung zu schaffen und erinnern dich dabei daran, dass ein interessantes Leben sich nie vollständig abhaken lässt.

Buchcover: Was zählt

Was zählt – 50 Listen, die dich durchs Leben begleiten – Ein SPIEGEL-Buch

von Katrin Wilkens
192 Seiten, DVA 2026
ISBN 3421070555
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Papalapapi

Ich heiße Mark und bin Vater einer wundervollen Tochter. Papalapapi Vaterblogger, Elternblogger und Männerblogger beschäftigt sich mit Themen rund ums Kinderhaben und Mannsein aus einer subjektiven männlichen und vor allem väterlichen Sicht.

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