„Die Wahrheit vor Gericht“ sieht manchmal ganz schön alt aus

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Man ist geneigt zu denken, den Gerichten ginge es immer und jeder Zeit um die Wahrheit. Der zweideutige Titel Die Wahrheit vor Gericht sagt aber etwas anders. Vor Gericht geht es um Recht, nicht um „die Wahrheit“. Natürlich muss diese zuweilen gefunden werden, um Recht zu sprechen. Das gilt aber nicht in gleichem Maße für alle Gerichte und nicht für alle Fälle.

Wie erinnern uns an das Familiengericht, in dem es absolut nicht um irgendeine Wahrheit ging, sondern nur darum, dass sich alle Beteiligten von jeder ernsthaften Verantwortung freihielten und einen brauchten, der ihr Handeln und ihre Existenz rechtfertigten – mich, einen damals verzweifelten, belasteten Vater, der einfach nur seine Tochter sehen wollte, wie es für sie sie und die Beziehung zu ihrem Vater am besten gewesen wäre.

Vor vielen Jahren musste ich vor dem Amtsgericht meine Verfassungsrecht auf Kriegsdienstverweigerung erkämpfen. Mit Wahrheit hatte diese Art der Gewissensprüfung sehr wenig zu tun. Später ging es vor dem Verwaltungsgericht um Vertragsrecht, auch hier zählte nicht „die Wahrheit vor Gericht“, sondern ein Vergleich, der erzielt werden sollte. Das Gericht urteilte zwar in meinem Sinne, aber zunächst zählte nur eine Einigung der Streitparteien.

Meine Großcousine wurde vor 10 Jahren von ihrem Mann erstochen. In Strafgerichtsverfahren galt natürlich „im Zweifel für den Angeklagten“ (in dubio pro reo), so dass die ganze Wahrheit, die Wahrheit vor Gericht eben eine andere war, als die tatsächliche.

Rechtsprechung ist kompliziert und daher sehr anspruchsvoll. Unser Rechtssystem funktioniert. Oft mit dem gesunden Menschenverstand, aber oft eben auch ohne eine konkrete Wahrheit, sondern vielleicht ein Teil davon oder ein Abbild. Ich fand damals einen meiner Leitsätze: „Ziehe nie vor Gericht.“

Daran versuche ich mich zuhalten, obwohl es hin und wieder zu Streitigkeiten mit meinen Kunden kommt. Leider ist es so, dass wenn man einen Fehler macht, man wenig Chance auf Recht und Gerechtigkeit hat, wenn die Gegenseite sich einen bösartigen, absolut unmoralischen Anwalt nimmt, der die eher widerlichen Mitmenschen dabei unterstützt, anderen zu schaden.

Nach all dieser Erfahrung ist es gut, die Sache mit dem Recht und den Gerichten einmal näher zu betrachten. Das vorliegende Buch ist voller spannender Geschichten und tiefer Einsichten in die gängige Rechtsgepflogenheiten und Strafrechtsverfahren, dass man es jedem Bürger empfehlen … muss. Der wir, die Bürger, sind die Souverän, in dessen Namen die Urteile gesprochen werden.

Worum geht es in diesem tollen Buchs Die Wahrheit vor Gericht?

Auf der Suche nach der Wahrheit – ein Staranwalt erzählt von spektakulären Rechtsfällen

Geht es in Prozessen und bei der Urteilsfindung um die Wahrheit? Eine nur auf den ersten Blick erstaunliche Frage, zumal aus der Feder eines bekannten Strafverteidigers. Jetzt zeigt er anhand zahlreicher Beispiele, dass der Augenschein häufig trügt, dass sich zunächst oft nur die halbe Wahrheit enthüllt. Was aber ist überhaupt Wahrheit und wie verhält sie sich zur Gerechtigkeit?

Ist ein Geständnis mehr wert als ein Indizienbeweis? Sind abgesprochene Urteile noch wahr genug, um gerecht zu sein? Warum darf man sich der Wirklichkeit nicht auf jede Weise nähern? Wie beschwerlich und mitunter gefahrvoll diese Wahrheitssuche sein kann, worin der Gerichtssaal manchmal einer Theaterbühne gleicht und warum es kaum etwas Spannenderes gibt als einen Strafprozess, davon erzählt Volk anhand von Fallgeschichten aus seiner Praxis.

Über das Suchen und Finden der Wahrheit
im deutschen Recht

Wahrheit, Gerechtigkeit und Rechtsfrieden – das
sind die drei Ziele, die ein Strafprozess im
deutschen Recht zu erreichen sucht. Mit welchen
Mitteln das geschieht, darüber wissen Laien und
Unbeteiligte jedoch meist nur wenig. Wer, wenn
nicht ein international bekannter Verteidiger und
Hochschullehrer für Strafrecht, sollte erklären
können, wie unser Rechtssystem »tickt«, mit
welchen Mitteln, Kniffen und manchmal auch Tricks
die Beteiligten versuchen, im Strafprozess die
Wahrheit herauszufinden – oder ihren Interessen
entsprechend zu verbiegen?

Klaus Volk nimmt uns in Die Wahrheit vor Gericht mit in die Welt der Gerichtssäle und der Gefängnisse, er lässt uns teilhaben an Unterredungen mit Angeklagten und Anwaltskollegen, er beschreibt die Rolle von
Richtern, Staatsanwälten, Verteidigern und Sachverständigen und erklärt, wie alle am
Prozess Beteiligten darum kämpfen, die Wahrheit herauszufinden.


Ich würde nie beschwören, dass ich auch nur in einem einzigen meiner Fälle die ganze
Wahrheit erfahren hätte. Ich will aber darauf bestehen, dass es meist gerecht zugegangen ist.
Das ist ein großer, beruhigender Unterschied. Es gibt auch eine Gerechtigkeit, die nicht auf der
absoluten Wahrheit beruht. Die prozessuale Wahrheit ist, verglichen mit den Erwartungen der
Öffentlichkeit, immer verbeult und verbogen. Sie wird in einem sehr formalisierten Verfahren
ermittelt, mit begrenzten Mitteln zu dem begrenzten Zweck, ein Urteil über einen begrenzten
Tatvorwurf abzugeben. Wie das sein kann, wie das geht und funktioniert, davon handelt dieses
Buch.

Klaus Volk

Die Wahrheit vor Gericht – Wie sie gefunden und geschunden, erkämpft und erkauft wird

Buch hier kaufen
von Klaus Volk
352 Seiten, C. Bertelsmann Verlag, Originalausgabe (25. April 2016)
ISBN: 3570102599
Preis EUR 19,99

Leseprobe Die Wahrheit vor Gericht

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