Es ging los mit Traurigkeit – Bestsellerautor Til Raether erzählt über Depressionen

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Ich bin leider auch nicht frei von Depressionen. Immer wieder, manchmal aus mehr oder weniger gutem Grund, manchmal einfach so, vielleicht die Wetterlage, werde ich depressiv. Aber nicht „depressiv verstimmt“, wie es verharmlosend und mit unter auch zutreffend heißt. Sondern ernsthaft. Ernsthaft in sofern, dass man es leichte bis mittelschere Depression nenne kann. Die Gründe dafür kenne ich, derer sind viele. Vermutlich spielt auch eine Störung im Hirnstoffwechsel unklarer Genese eine Rolle. „Unklare Genese“ steht für „Nichts Genaues weiß man nicht“. Ich komm dann nicht ohne ein Medikament aus. Beziehungsweise gibt es ein Medikament, dass mich relativ schnell aus dieser Phase herausholt, so dass ich wieder handlungs- und leistungsfähig bin. Klingt komisch, ist aber so.

Ich habe an dieser und anderer Stelle immer wieder auf diese Volkskrankheit hingewiesen, immer wieder über Männer und Depressionen geschrieben. Zuletzt über Comedians, traurige Clowns, die sich als episodisch depressiv outeten. Und heute geht es auch um einen Mann, der mit Depressionen kämpft – der Beststeller Autor Till Reather beschreibt, was diese furchtbare Krankheit mit ihm gemacht hat. Ein gutes, ein lohnenswertes Buch. Ich wünsche mir, dass weitere Prominente, Erfolgreiche, öffentliche Männer über ihr Schicksal schreiben und diese Erkrankung aus der Tabuzone holen. Denn am Ende geht es um Leben und Tod. Und wie viel Leid und Elend bliebe den Betroffenen, aber auch ihren Familien erspart, wenn die Depression rechtzeitig und vernünftig behandelt wird, und nicht in Sucht und Selbstzerstörung führte.

Ich habe nie daran gedacht, mich umzubringen. Ich habe nur sehr oft daran gedacht, mich hinzulegen und nicht wieder aufzustehen. Alle paar Monate, ein oder zwei Wochen lang. Sobald alle aus dem Haus waren, habe ich mich wieder ins Bett gelegt. Kurz, dachte ich. Um Kraft zu schöpfen. Für diesen unüberwindbaren, unbezwingbaren, schweren, grauen Tag. Und für alle anderen Tage danach. Und sobald ich wieder auf dem Bett lag, verließ mich alle Kraft und ich blieb liegen.

Till Raether

Niemand ist dagegen gefeit

Depression kann alle treffen, und oft ist sie schwer zu erkennen. Till Raether war in seinem Leben oft traurig und erschöpft – immer wieder, über Wochen. Und ebenso oft stellte er sich die Frage, ob das nun eine Depression sei, oder ob ihn einfach nur das normale, graue Leben beutelte. In seinem Buch erzählt Till Raether offen über eine Krankheit, mit der er seit vielen Jahren lebt und die er häufig mit großem Energieaufwand zu überspielen versuchte. Er schreibt über seine Jagd nach Anerkennung, seine Hilflosigkeit und Überforderung und den dauernden Gedanken, dass er sich doch einfach nur zusammenreißen müsste – und über den Zusammenbruch. Ein ehrliches, warmes Buch über eine Lebenssituation, die vielen Menschen vertraut ist.

Till Raether, geboren 1969 in Koblenz, arbeitet als freier Autor in Hamburg, u.a. für Brigitte, Brigitte Woman und das SZ-Magazin. Er wuchs in Berlin auf, besuchte die Deutsche Journalistenschule in München, studierte Amerikanistik und Geschichte in Berlin und New Orleans und war stellvertretender Chefredakteur von Brigitte. Till Raether ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Seine Romane «Treibland» und «Unter Wasser» wurden 2015 und 2019 für den Friedrich-Glauser-Preis nominiert, alle Bände um den hypersensiblen Hauptkommissar Danowski begeisterten Presse und Leser. «Blutapfel» wurde vom ZDF mit Milan Peschel in der Hauptrolle verfilmt, Regie führte Markus Imboden

Hörprobe: „Bin ich schon depressiv, oder ist das noch das Leben?“ Gelesen von Till Raether

Fazit
Lest oder hört diese kleine Buch, diese sehr persönliche Geschichte. Und lernt. Lernt über Depressionen, über euch, um Männer und Erfolg und was vielleicht wirklich wichtig ist. So platt das auch immer klingt. Versteht eure leidenden Nächsten, versteht diese scheußliche Krankheit, lernt sie auf eine einfache und nachvollziehbare Weise kennen. Till schreibt er gut und kann erzählen. Das macht das Buch Besonders. Vielleicht werdet ihr nach der Lektüre viel besser nachvollziehen können, was es bedeutet, wenn jemand schreibst, denkt oder es sagt: „Die eigentliche Hilfe, um die ich aber nicht bitten kann, wäre also, mir die Scham zu nehmen.“ Lest!

Bin ich schon depressiv, oder ist das noch das Leben?

von Till Raether
Buch hier kaufen
128 Seiten, Rowohlt Taschenbuch (23. März 2021)
ISBN 3499005301
Taschenbuch 14,- Euro

Leseprobe – Bin ich schon depressiv …

Hole Dir Hilfe, wenn du Depressionen oder suizidale Gedanken hast, wenn du glaubst, nicht mehr Leben zu wollen! Schnelle Hilfe und Kontakt gibt es zum Beispiel ganz unkompliziert bei der Telefonseelsorge unter 0800/111 0 111 oder 0800/111 0 222 – oder bei anderen Beratungsstellen.

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