Alter Mann, was nun? Wie ältere Männer verhärten und scheinbar dem Leben nicht mehr folgen können

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In den Debatten um den russischen Angriffskrieg in der Ukraine und unsere Haltung dazu mischt sich manch alter Mann ein, kommen ältere Herrschaften sehr oft zu Wort. Den 1. offenen Brief, der sich aus Angst vor einer nuklearen Eskalation gegen die Lieferung „schwerer Waffen“ zur Verteidigung der Ukraine ausspricht, unterschrieben auch Greise.

Alexander Kluge (90), Martin Walser (95), Reinhard Mey (79), Prof. Dr. Siegfried Zielinski (71), Harald Welzer und Ranga Yogeshwar (beide 63) gehören zu den erst Unterzeichnern. Auch andere alte Männer verirren sich in ihrem Verständnis für den Massenmörder, Kriegsverbrecher und Faschisten Waldimir Putin. Auch Gerhard Schröder (78), Klaus von Dohnanyi (93), Gregor Gysi (71) und wie sie alle heißen haben ihren Senf zum Thema in diversen Talkshow abgegeben. Dieser Senf aber ist das Problem.

Die Phalanx der greisen Pazifisten

Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, waren sehr wenige Greise zu vernehmen, die sich für die würde und den (militärischen) Widerstand der Ukraine gegen eine russische Besetzung und einen autoritären Vasallenstaat a la Belarus aussprachen. Und wenn es alte Männer waren, dann waren es Russen, Polen, Ukrainer, Bulgaren oder Balten. Von den Engländern, Kanadiern, Amerikanern und Japaner ganz zu schweigen. Hier in Deutschland aber scheint es eine steinharte Phalanx der Greise – und Greisinnen, wir wollen Alice Schwarzer (79) und Juli Zeh (147 😉 nicht vergessen, auch meine Mutter (81) will von Krieg nichts wissen – gegen eine wehrhafte und zurückschlagende, ihr Territorium und ihre Bürger mutig verteidigende Ukraine zu geben. Aber warum?

Nun sind ja auch jüngere Leute, PolitikerInnen, Männer und Frauen unter 50/60 gegen die Lieferung von schweren Verteidigungsgerät an das ukrainische Militär. Zwischendurch wurde von Angriffs- und Verteidigungswaffen gesprochen, was eine verquere Irreführung ist. Denn auch mit einem Angriff kann man sich verteidigen und mit Panzerfäusten einen Angriff unterstützen. Und so gibt es auch ältere Herrschaften und Omas, die sich dafür aussprechen, der Ukraine alle Waffensysteme zu geben, die sich braucht, um sich gegen die barbarische, russische Armee zu verteidigen.

Es kann, muss aber nicht am Alter liegen, wenn man an seinen 40 Jahre alten Meinungen und Überzeugungen auch in vollkommen neuen und anderen Situationen festhält.

stolzer alter mann
Alter Mann hält hart an seinen uralten Meinungen fest

Wissen alte Männer vieles besser?

Nein, würden alte Männer antworten. Nicht alles, aber vieles. Sie nehmen ihre reichhaltige Lebenserfahrung und halten sie den neuen Problemen entgegen. Seht her, wir haben Schlimmer, Hartes, Krasses erlebt und daher wissen wir besser, was heute zu tun ist.

Obwohl man damals auch versucht hatte mit Hitler zu verhandeln (Apeasement) und zu Zugeständnissen bereit war, um den Führer, um das hochgerüstete Deutschland nicht zu reizen, war all das für die Katz. Mit dem Naziführer Adolf Hitler konnte man nicht verhandeln. Das ging bis in die totale Vernichtung, bis zur bedingungslosen Kapitulation.

Da Putin praktisch alle wesentlichen von Russland unterzeichneten Verträge – UN-Charta, Minsk, Abrüstungsvertäge etc. – kann man ihm nicht mehr trauen und gibt es auch nix zu verhandeln, weil er eben die Ukraine nicht anerkennt und vernichten will. „Putin hat alle Verträge seit 1990 gebrochen“, sagt Gerhart Baum (89), einer jener wenigen alten Männer, die noch sehen können, die ihre Sichtweisen anpassen und korrigieren können, flexibel und wach geblieben sind.

Ich will mich an dieser Stelle nicht darüber auslassen, dass Putin diesen Krieg sehr lange vorbereitet hatte und im Grund von Anfang an dass russische Imperium oder die Sowjetunion wiederauferstehen lassen wollte; und von Anfang an mordete, Krieg führte, seine faschistische Idee vom Großrussentum entwickelt. Mit solch einem Mann gibt es nichts zu verhandeln. Das haben auch alle begriffen – auch wenn sie es immer wieder tun, um den Krieg aufzuhalten – nur eben diesen alten Knochen nicht, die am Ende ins eigene Netz scheißen und in einem Schwerverbrecher wie Wladimir Putin einen gültigen Verhandlungspartner sehen, der sich schon einhegen lässt.

Sie haben nicht mitgekriegt, dass genau diese Ostpolitik des Verhandelns gescheitert ist und vom Kreml zerstört wurde. Sie können das nicht begreifen, weil sie unbedingt an ihrer eigenen Vergangenheit, an ihrer Erfahrung, an ihrer Weltsicht festhalten wollen. Dass die Welt eine andere ist und neue Akteure Verantwortung tragen, dass es neue Weltsichten gibt und man flexibel auf die Gegebenheiten – und den Gegner – einstellen muss, um die eigenen Werte – Einigkeit und Recht und Freiheit – zu verteidigen, genau das kriegen diese alten Männer nicht mehr in den Schädel. So sieht es jedenfalls für mich aus.

Ein paar Beispiel der Verhärmung alter Männer

Klaus von Dohnanyi: Er behauptet hartnäckig, dass der Schlüssel für eine Waffenstillstand in der Ukraine in Washington liegt. Heißt: Wenn US-Präsident Biden erklärt, auf die Aufnahme der Ukraine in die NATO (dauerhaft) zu verzichten, würde Putin ablassen von seinem Angriffskrieg in der armen Ukraine.

Wenn das keine Verblendung des Greises Dohnanyis ist, dann ist es eine Form von Altersstarrsinn. Mehrfacht führt Klaus von Dohnanyi seine Erfahrung am Ende des 2. Weltkriegs an und das Erlebnis bei einer NATO-Übung, bei der die USA Atomwaffen innerhalb Deutschlands eingesetzt haben und unser Land gegenüber der Sowjetarmee verloren gaben. Siehe sein Buch Nationale Interessen.

Sicher hat Dohnanyi eine reichhaltige Lebenserfahrung. Diese Erfahrungen haben zwar seinen Charakter, seine Politik und seien Weltanschauung geprägt, erweitern aber automatisch seine Kompentenzen in der aktuellen Krise und führen nicht zu mehr Deutungsrelevanz was die wahren Absichten der Russen in diesem Vernichtungskrieg betreffen.

Dohnanyi versteigt sich dazu, der USA eine Mitschuld am Krieg gegen die Ukraine zu geben und sieht, wie gesagt, wider jeder Vernunft und jeder akuten Erkenntnis, sowie entgegen sogar der Aussagen Putins, weshalb er diesen Krieg führt, dass allein die USA diesen Krieg beenden können, wenn sie auf die Mitgliedschaft Ukraine in der NATO verzichten. Für mich ist das ein eindeutiges Zeichen von Altersstarrsinn. Aber seht selbst:

Können nur die USA diesen Krieg beenden? Klaus von Dohnanyi im Gespräch bei Maischberger

Ein paar Fakten, die zeigen, um die russische Erzählung zu widerlegen, Russland fühle sich durch die NATO-Osterweiterung betrogen und bedroht:
Die NATO ist ein Verteidigungsbündnis und bedroht niemanden. Die NATO hat Russland zu keinem Zeitpunkt mit irgendwas bedroht. Die osteuropäischen Länder der ehemaligen Warschauer Pakts und der Sowjetunion suchten indes dringend Schutz vor Russland. Denn die kennen ihre Feinde, die haben verstanden, mit wem sie es zu tun haben.
Aber warum nun fühlen sich Putin und seine Hasardeure von der NATO bedroht? Sie wissen, dass die NATO sie nicht bedroht, aber dass die NATO ihren russischen Kolonialismus und Imperialismus einhegt und verunmöglicht. Es werden ausschließlich Länder angegriffen – Georgien, Moldau, Ukraine, Syrien und auch innerrussisch Tschetschenien, die nicht in der NATO sind. Die NATO verhindert die Unterjochung seiner Mitglieder unter die russische Fuchtel, die russische Diktatur, Gewaltherrschaft und Dominanz. DAS ist der wahre Grund, warum Putin mit Gewalt zu verhindern sucht, dass seine Nachbarländern unter den Schutz der NATO flüchten. Die angeblichen Sicherheitsinteressen Russlands ist so zu verstehen, sie waren immer einseitig und berücksichtigen zu keinem Zeitpunkt die Sicherheitsinteressen der anderen Staaten Europas. Sicherheitsinteressen können nicht auf Kosten von anderen durchgesetzt werden, auch das hatte Russland, wie die UN-Charta, die einen Angriffskrieg verbietet, unterschrieben. Es gäbe noch mehr Argumente, die die der alten Männer, die den Krieg auch auf Kosten der Ukraine beenden sollen, widerlegen. Das würde aber hier den Rahmen sprengen.

Altersmilde will die Kapitulation der Ukraine

Alexander Kluge ist der nächste traurige Fall einer Form des Altersstarrsinns. Er spricht immer noch so sanft und intensiv, dass man ihm einen solchen Starrsinn gar nicht zugetraut hätte. Eher Altersmilde würde man von solch einem klugen und belesenen Mann erwarten. Auch er hat reichhaltige Erfahrungen in seinem erfolgreichen Leben gemacht. Auch er erlebte den 2. Weltkrieg unmittelbar, etwa in den Bombenangriffen auf seine Heimat Halberstadt.

Er steht auf dem Standpunkt, die Kampfhandlungen sofort einzustellen, was einer bedingungslosen Kapitulation der Ukraine gleichkäme. Der Krieg müsse sofort aufhören, darum ginge es. Das dachte er auch damals, als die Bomben der Alliierten auf seine Stadt fielen, obwohl er wusste, dass er dadurch von einer Schreckensherrschaft befreit wurde. Aber der Krieg sei damals durch die Kapitulation beendet worden und genau das müsse auch jetzt in der Ukraine geschehen.

Kluge glaubt tatsächlich, dass eine kleine Führungselite ist, die die Menschen in der Ukraine zum Kämpfen zwingt. Dass er damit der russischen Propaganda, der putinschen Desinformation aufsitzt, die behauptet, eine von den USA gesteuerte Clique von Neonazis würden die russische Bevölkerung in der Ukrainer terrorisieren und vernichten wollen, scheint Luge nicht zu stören. Für mich kaum erträglich von so einem Menschen, den ich mal sehr geschätzt hatte, und offensichtlich ein Anzeichen der totalen Überförderung mit den neuen Realitäten dieser Welt.

Höre auf Deutschlandradio Kultur: Keine schweren Waffen! – Alexander Kluge zum EMMA-Brief der Intellektuellen!

Moderator und Journalist Gerd Scobel (63) nimmt nicht nur Kluges Meinung auseinander, sondern erklärt auch die Konsequenzen aus dem 1. Offene Brief mit der Forderung zum Verhandeln und der Ablehnung der Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine. Sehenswert.

Offener Brief: Einknicken vor Putin? Video von Gert Scobel (3sat)

Meine These zum alternden Gehirn

Wir wissen vom plastischen Gehirn. Das heißt, unser Gehirn kann jederzeit, also auch im hohen Alter, neue Verbindungen wachsen, neue Synapsen entstehen lassen. Was bedeutet, dass das Gehirn bis zum Schluss lernen kann. Aber dieses Lernen vollzieht sich wesentlich langsamer. Auf Deutsch: Eine Jugendliche lernt dramatisch schnell Klavierspielen, als ein 90-jähriger Opa. So weit so klar.

Wenn du jetzt kommst und setzt deine Erfahrungen im Leben über alles, nimmst sie und versuchst alles, was in deinem Leben und auf dieser Welt geschieht, damit einzuordnen, verlierst du den Anschluss ans Leben. Und damit an die Realität. Denn das Leben entwickelt sich weiter. Du wirst alt und stirbst, damit das Leben sich erneuern kann. Neu heißt nicht alt.

Es ist gut und richtig und wichtig sich an die Vergangenheit zu erinnern. Das macht im Persönlichen unsere Identität aus. Auf Gesellschaftsebene sind es die Denkmäler, Museen, Filme und Bücher, die unsere Vergangenheit und unsere Identität als Staat herstellen.

Wenn du aber stets Recht behalten willst und die neuen Bedingungen einer veränderten Realität nicht anerkennen WILLST, dann bist du alt.

Mein Schlüsselerlebnis war die große Demo von Fridays for Future 2019 in Hamburg mit über 100.000 Teilnehmern. Meist junge Leute demonstrierten für eine lebenswerte Zukunft, für eine lebendige Erde und eine intakte Natur. Ihr gutes Recht.

Mein Erwachsenes-Ich aber begehrte auf. Hatte und hat einige Argumente, die sich gegen die FFF-Bewegung richtet und manches relativiert. Dass die fossile Energie uns Wohlstand, Demokratie und Sicherheit gebracht hat, die moderne Medizin und all die anderen Segnungen der Moderne. Aber ist sah, dass ich damit wieder klugscheißern wollte und dass es hier nicht um meine Welt ging, sondern um die Zukunft … meiner Tochter. Und daher haben die jungen Menschen all das Recht, für oder gegen was auch immer zu demonstrieren, da es um ihre Zukunft, ihre Gesellschaft, ihr Leben und ihre Erde geht. Und nicht um meine.

Und da begriff ich, dass wenn ich an meiner Sichtweise starr festhielt, ich den Anschluss an die jungen Menschen und damit an das Leben verlieren und alt werden würde. Ich beschloss mich auf die Seite der Jungen, auf die Seite meiner Tochter, auf die Seite der Zukunft und des Lebens zu stellen.

Daher glaube ich, dass die alten Männer, die ich hier beschrieben habe, genau das nicht tun. Sie halten an ihren alten Erfahrungen fest, sehen die Welt durch diese alte, teils vergilbte Brille und erkennen nicht mehr, dass sich diese Welt, die Realität verändert hat, nicht mehr die ist, die sie war, als sie ihre Meinungen gebildet haben. Vielleicht ist man mit 90 Jahren zu alt, das zu begreifen. Ich will die Hoffnung – auch wegen der Plastizität des Gehirns – an dieser Stelle nicht aufgeben.

Es ist gut, am Leben teilzuhaben, sich nicht abseits zu stellen. Es ist gut, weise zu sein, Altersweise. Aber zu dieser Altersweisheit gehört eben auch, zu erkennen, wann es besser ist zu schweigen und die jungen machen zu lassen. Weil die das jetzt machen müssen und ich mich durchaus mal irren kann. Und verwirren.

Lesetipp: Alter Sack, was nun?: Das Überlebensbuch für Männer – Mit Illustrationen von Til Mette

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