Die Demokraten haben die Midterms 2026 gewonnen. Sie kontrollieren künftig das Repräsentantenhaus und den Senat. Selbst in republikanischen Hochburgen wie Texas haben sie historische Siege errungen. Donald Trump verliert damit einen erheblichen Teil seiner politischen Rückendeckung. Das ist eine gute Nachricht für die amerikanische Demokratie.
Aber ich kann mich darüber nicht vorbehaltlos freuen. Denn ich frage mich, warum die Amerikaner den Republikanern jetzt eine solche Niederlage beschert haben. Ist ihnen plötzlich aufgefallen, wie gefährlich Trump für die Demokratie ist? Haben sie seine Lügen satt, seine Selbstbereicherung, seinen Machtmissbrauch und seine Menschenverachtung? Oder ist ihnen schlicht das Leben zu teuer geworden?
Ich fürchte, die Antwort lautet vor allem: das Geld.
Wenn die Lebensmittelpreise wichtiger sind als die Verfassung
Bertolt Brecht formulierte in der Dreigroschenoper einen Satz, der mir angesichts dieser Wahl nicht aus dem Kopf geht: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“
Die amerikanischen Nachwahlbefragungen bestätigen zumindest einen wesentlichen Teil dieses Gedankens. Die Lebenshaltungskosten gehörten zu den wichtigsten Wahlmotiven. Viele Amerikaner machen Trump für ihre wirtschaftlichen Schwierigkeiten verantwortlich. Lebensmittel, Energie, Wohnen und andere Alltagsausgaben belasten die Menschen.
Das ist verständlich. Wer sich sein Leben kaum noch leisten kann, hat vollkommen berechtigte Sorgen. Niemand sollte diese Menschen dafür verurteilen. Allerdings haben auch die Demokratie und die Korruption eine erhebliche Rolle gespielt. Es wäre falsch, den Wählern jedes politische Verantwortungsbewusstsein abzusprechen.
Und trotzdem bleibt meine Frage: Was wäre geschehen, wenn die wirtschaftliche Entwicklung günstiger gewesen wäre? Wenn Trump für niedrige Preise, steigende Einkommen und eine spürbare Verbesserung des Lebensstandards gesorgt hätte? Wäre seine Partei dann ebenfalls so deutlich abgestraft worden? Ich bezweifle das.
Vielleicht hätten sehr viele Menschen weiterhin über seine Lügen, seine politischen Grausamkeiten und seine Angriffe auf demokratische Institutionen hinweggesehen. Solange am Monatsende genug Geld übrig bleibt, scheint mancher bereit zu sein, erschreckend viel zu tolerieren.
Die Amerikaner wussten, wen sie gewählt haben
Donald Trump ist schließlich kein politischer Hochstapler, dessen wahres Gesicht erst nach seiner Wahl sichtbar geworden wäre. Sein Verhältnis zur Wahrheit, sein Umgang mit Frauen, seine Verachtung politischer Gegner, seine Versuche, demokratische Institutionen unter Druck zu setzen, und sein maßloses Bedürfnis nach Bewunderung waren längst bekannt. Die Amerikaner wussten 2024, wen sie zum zweiten Mal zum Präsidenten wählten.
Sie hatten seine erste Amtszeit erlebt. Sie kannten seinen Umgang mit der verlorenen Präsidentschaftswahl 2020 und seine Rolle bei den Ereignissen rund um den Angriff auf das Kapitol am 6. Januar 2021. Trotzdem wählten ihn Millionen Menschen erneut.
Und deshalb fällt es mir schwer zu glauben, dass dieses Wahlergebnis nun plötzlich eine grundlegende moralische Neuorientierung der amerikanischen Gesellschaft bedeutet. Es ist zunächst einmal eine demokratische Abrechnung mit einer Regierung, deren Politik zahlreiche Menschen unzufrieden macht. Das ist wichtig. Aber es ist nicht dasselbe wie eine Rückbesinnung auf demokratische Werte.
Ein Präsident, der niemanden über sich anerkennen will
Was mich an Trump besonders erschreckt, ist sein Verhältnis zur Macht. Er behandelt Institutionen, als müssten sie sich seiner Person unterordnen. Gerichte, Behörden, das Justizministerium, die Medien und selbst politische Verbündete werden an ihrer Bereitschaft gemessen, seinen Willen zu erfüllen. Wer widerspricht, wird angegriffen. Wer sich unterordnet, darf auf seine Gunst hoffen.
Eine Demokratie funktioniert aber genau andersherum. Nicht die Institutionen dienen dem persönlichen Willen des Präsidenten. Der Präsident ist an Verfassung, Recht und demokratische Kontrolle gebunden.
Besonders bedenklich finde ich deshalb die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs vom Juli 2024, mit der die strafrechtliche Immunität des Präsidenten für bestimmte Amtshandlungen erheblich gestärkt wurde. Für Handlungen im Kernbereich seiner verfassungsmäßigen Befugnisse gilt absolute Immunität, für andere offizielle Handlungen mindestens eine vermutete Immunität. Private Handlungen bleiben davon ausgenommen.
Ein völliger Freifahrtschein ist das juristisch nicht. Aber die Entscheidung hat die Möglichkeiten der strafrechtlichen Kontrolle erheblich eingeschränkt. Für einen Politiker wie Trump, der Grenzen ohnehin ständig austestet, halte ich das für fatal.
Wenn ungeheurer Reichtum jedes Korrektiv beseitigt
Ich sehe darin auch ein psychologisches und gesellschaftliches Problem. Was geschieht mit Menschen, die so reich und mächtig geworden sind, dass ihnen kaum noch jemand widerspricht? Donald Trump und Elon Musk sind für mich Beispiele einer Machtkultur, die sich immer weniger durch demokratische Verantwortung und immer stärker durch persönliche Herrschaftsansprüche auszeichnet.
Wer praktisch alles kaufen kann, wer von Bewunderern umgeben ist und Kritik jederzeit mit wirtschaftlichem oder politischem Druck beantworten kann, läuft Gefahr, jede Bereitschaft zur Selbstkorrektur zu verlieren.
Wo bleibt dann die Selbstreflexion? Wo die Fähigkeit, sich einzugestehen, dass man sich irrt? Wo das Mitgefühl für Menschen, die nicht über Milliarden, politische Verbindungen oder gesellschaftlichen Einfluss verfügen? Ich vermisse bei diesen Männern genau diese Eigenschaften.
Natürlich macht Reichtum einen Menschen nicht automatisch unmoralisch. Der demokratische Gouverneur von Illinois, J. B. Pritzker, stammt selbst aus einer Milliardärsfamilie und vertritt zugleich eine Politik, die soziale Absicherung und öffentliche Leistungen stärken soll. Auch reiche Menschen können gesellschaftliche Verantwortung übernehmen.
Entscheidend ist für mich etwas anderes – gerade zu den Midterms 2026: Ob jemand seine Macht als Verpflichtung gegenüber anderen versteht oder als das Recht, über andere bestimmen zu dürfen.
Ein Mensch braucht Grenzen. Nicht nur juristische, sondern auch persönliche. Er braucht Menschen, die ihm widersprechen dürfen, ohne dafür bestraft zu werden. Und er braucht die Fähigkeit, sich selbst kritisch zu betrachten. Wenn das fehlt, wird Macht gefährlich.
Midterms 2026: Trump sucht natürlich die Schuld bei anderen
Nach der Niederlage seiner Partei zeigt Trump bereits das vertraute Muster. Er macht unterlegene republikanische Kandidaten verantwortlich und weist die Vorstellung zurück, dass die Wahlniederlage ein Urteil über seine eigene Politik sein könnte.
Das ist bezeichnend. Ausgerechnet jener Präsident, der seine politische Bewegung fast vollständig auf seine Person zugeschnitten hat, möchte für deren Niederlage keine Verantwortung übernehmen. Dabei hat er selbst die Wähler aufgefordert, bei diesen Kongresswahlen so abzustimmen, als stünde er persönlich auf dem Wahlzettel.
Nun ist das Ergebnis Midterms 2026 da. Und plötzlich sollen andere schuld sein. Verantwortung bedeutet aber auch, Niederlagen anzuerkennen und sich mit den eigenen Fehlern auseinanderzusetzen. Nicht nur dann, wenn es bequem ist.
Demokratie darf keine Frage des Benzinpreises sein
Die Demokraten haben jetzt eine große Chance, der politischen Selbstherrlichkeit Trumps Grenzen zu setzen. Sie können parlamentarische Kontrolle wieder stärken, Untersuchungen durchführen und seiner Regierung widersprechen. Das begrüße ich ausdrücklich. Aber meine eigentliche Sorge geht über die Vereinigten Staaten hinaus. Sie betrifft auch Europa, Dänemark, die Ukraine und Deutschland.
Wie stabil sind unsere demokratischen Überzeugungen tatsächlich? Wie viel Korruption, Verachtung, Brutalität und Missbrauch politischer Macht sind Menschen bereit hinzunehmen, solange ihr persönlicher Wohlstand gesichert ist?
Wir sollten uns nicht einbilden, dass diese Frage nur die Amerikaner betrifft. Eine Demokratie, die vor allem deshalb funktioniert, weil es ihren Bürgern wirtschaftlich gut geht, steht auf einem erschreckend schwachen Fundament. Natürlich brauchen Menschen Sicherheit, ein gutes Einkommen, bezahlbare Wohnungen und Lebensmittel. Aber Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und die Würde anderer dürfen nicht erst dann wichtig werden, wenn diese Bedürfnisse erfüllt sind.
Ich freue mich über Trumps politische Niederlage. Aber ich würde mich noch viel mehr darüber freuen, wenn Menschen seine Politik auch dann zurückwiesen, wenn sie persönlich von ihr profitieren.
Denn der eigentliche Prüfstein demokratischer Werte ist nicht, wie wir uns verhalten, wenn es uns schlecht geht. Sondern welche Ungerechtigkeiten wir hinnehmen, wenn es uns gut geht. Die Kuh ist noch nicht vom Eis.