Warum geben Männer ihre Männerfreundschaften auf, sobald eine Frau den wichtigsten Platz in ihrem Leben einnimmt? Diese Frage beschäftigt mich nicht theoretisch. Ich habe erlebt, wie Freundschaften verschwinden können, sobald eine Partnerschaft wieder funktioniert oder wichtiger wird. Was vorher Nähe, Vertrauen und Verbindlichkeit hieß, wird plötzlich nachrangig.
Dabei verstehe ich nicht, warum Männer überhaupt zwischen einer Partnerin und ihren Freunden wählen müssen. Eine Liebesbeziehung sollte kein geschlossenes System sein. Und Männerfreundschaften sollten keine kündbare Zusatzoption bleiben, die man streicht, sobald sie unbequem wird.
Bei mir hängt an dieser Frage eine lange Geschichte. Mein bester Freund hat unsere Freundschaft nach 36 Jahren beendet. Sechsunddreißig Jahre Herzensfreundschaft: gemeinsame Erlebnisse, Gespräche, Vertrauen, Streit, Nähe und ein großer Teil unseres Lebens.
Natürlich zerbricht eine so lange Freundschaft nie nur an einem einzigen Punkt. Trotzdem spielten aus meiner Sicht zwei Frauen eine erhebliche Rolle: eine gescheiterte Affäre und später seine Ex-Frau, mit der er wieder zusammenkam. Beide habe ich als psychisch schwer belastet erlebt. Beide Beziehungen nahmen enorm viel Raum ein.
Was mich daran bis heute beschäftigt, ist weniger die Entscheidung für eine Frau. Mich irritiert, wie leicht eine jahrzehntelange Männerfreundschaft daneben plötzlich entbehrlich werden konnte.
Männerfreundschaften sind keine Freizeitbeschäftigung
Vielleicht trifft mich dieser Verlust auch deshalb so stark, weil ich Männerfreundschaften anders verstehe. Ein enger Freund ist für mich nicht jemand, mit dem ich gelegentlich Bier trinke, Fußball schaue oder alle paar Monate eine Nachricht austausche. Eine wirkliche Freundschaft ist eine Beziehung.
Auch Männerfreundschaften können Liebesbeziehungen sein – nicht sexuell und nicht romantisch, aber voller Zuneigung, Loyalität, Vertrauen und Verbundenheit. Ein Freund begleitet mich vielleicht über Jahrzehnte. Er kennt meine Entwicklung, meine Fehler, meine Krisen und meine Geschichten. Warum sollte diese Beziehung grundsätzlich weniger wert sein als die zu einer Partnerin?
Unsere Gesellschaft baut trotzdem gern eine klare Rangordnung: zuerst die Partnerin, dann die Familie, irgendwann die Freunde. Ich bezweifle inzwischen, dass diese Hierarchie immer sinnvoll ist. Menschen brauchen verschiedene Beziehungen. Niemand sollte alle Bedürfnisse bei einem einzigen Menschen abladen.
Dyadic Withdrawal: Wenn das Paar sich zurückzieht
Für einen Teil dieser Entwicklung gibt es sogar einen wissenschaftlichen Begriff: Dyadic Withdrawal. Die Dyadic Withdrawal Hypothesis beschreibt, wie Paare sich nach Beginn einer Beziehung zunehmend als Zweiergemeinschaft organisieren und dabei Kontakte außerhalb der Partnerschaft verlieren oder einschränken können.
Aus „meinen Freunden“ und „deinen Freunden“ werden „unsere Freunde“. Manche Kontakte verschwinden ganz. Der gemeinsame Kalender bestimmt zunehmend das soziale Leben. Natürlich ist daran zunächst nichts problematisch. Wer eine Partnerschaft beginnt, zusammenzieht oder Kinder bekommt, verteilt seine Zeit neu.
Schwierig wird es, wenn aus Nähe Abschottung wird. Dann entscheidet das Paar fast alles gemeinsam: Wochenende, Urlaub, Einladungen, Freizeit, Kontakte. Ein Treffen mit einem Freund wirkt plötzlich nicht mehr wie etwas Selbstverständliches, sondern muss in das gemeinsame Leben hineingenehmigt werden.
Das bekannte Klischee vom Mann, den man nach Beginn einer Beziehung kaum noch sieht, kommt also nicht völlig aus dem Nichts.
Und dann stellt sich eine unangenehme Frage: Wann wird Verbundenheit zu Abhängigkeit?
Greedy Marriage: Wenn die Beziehung immer mehr beansprucht
Noch treffender finde ich den Begriff Greedy Marriage, die „gierige Ehe“. Gemeint ist damit nicht, dass Ehe grundsätzlich schlecht wäre. Der Begriff beschreibt vielmehr eine Beziehung, die immer mehr Zeit, Aufmerksamkeit und soziale Energie an sich zieht.
Eine Partnerschaft kann tatsächlich gierig werden. Sie beansprucht den Samstagabend, den Urlaub, Weihnachten, die Wochenenden, die Sorgen, Gespräche, Zukunftspläne und selbstverständlich Sexualität und Intimität. Irgendwann bleibt außerhalb dieses Systems erstaunlich wenig übrig.
Dann soll die Partnerin zugleich Geliebte, beste Freundin, wichtigste Gesprächspartnerin, Freizeitbegleitung, Krisenhelferin und emotionale Heimat sein.
Das halte ich für eine Überforderung.
Liebe muss nicht bedeuten, dass zwei Menschen sich gegenseitig die gesamte Welt ersetzen. Eine stabile Partnerschaft könnte sogar davon profitieren, wenn beide ein eigenes Leben behalten.
Warum Männer ihre Partnerin zur emotionalen Zentrale machen
Die Forschung deutet auf ein interessantes Muster hin: Männer besitzen durchaus Männerfreundschaften, nutzen sie aber oft anders als Frauen ihre Freundschaften.
Wenn es wirklich schwierig wird, wenden sich viele Männer zuerst an ihre Partnerin. Sie erzählen ihr von Ängsten, Sorgen, Konflikten und Unsicherheiten. Mit Freunden sprechen sie darüber seltener. Das bedeutet nicht, dass Männer keine engen Freunde haben. Es bedeutet vielmehr, dass sie emotionale Nähe stärker auf die Partnerschaft konzentrieren.
Genau darin sehe ich ein Problem.
Wenn ein Mann seine Partnerin zur einzigen oder wichtigsten emotionalen Anlaufstelle macht, steigt seine Abhängigkeit von dieser Beziehung. Gleichzeitig verlieren Männerfreundschaften an Tiefe. Man trifft sich vielleicht weiterhin, aber wichtige Teile des Lebens bleiben draußen.
So entsteht eine seltsame Schieflage: Der Mann besitzt Freunde, aber seine Partnerin kennt ihn besser als alle anderen Menschen. Wenn die Beziehung zerbricht, stellt er plötzlich fest, wie klein sein übriges soziales Netz geworden ist.
Mankeeping: Wenn Frauen das soziale Leben ihrer Männer mittragen
Dazu passt ein neuer Begriff, den ich ausgesprochen treffend finde: Mankeeping.
Mankeeping beschreibt die Arbeit, die Frauen übernehmen können, wenn ihre männlichen Partner kein stabiles eigenes soziales Netzwerk pflegen. Die Frau hält Kontakte am Leben, organisiert gemeinsame Treffen, erinnert an Geburtstage, vermittelt zwischen Menschen und übernimmt einen großen Teil der emotionalen Unterstützung.
Sie wird damit nicht nur Partnerin, sondern soziale Infrastruktur.
Forscherinnen haben inzwischen versucht, dieses Mankeeping systematisch zu messen. Dabei zeigte sich ein Zusammenhang zwischen stärkerem Mankeeping, höherer Belastung und geringerem Wohlbefinden innerhalb der Beziehung. Daraus lässt sich zwar keine einfache Ursache ableiten. Der Gedanke bleibt trotzdem interessant.
Denn plötzlich verändert sich die Perspektive: Starke Männerfreundschaften sind keine Konkurrenz für Frauen. Sie können Frauen sogar entlasten.
Ein Mann, der zwei oder drei enge Freunde hat, muss nicht jedes Problem bei seiner Partnerin abladen. Er bekommt andere Meinungen, andere Erfahrungen und manchmal auch Widerspruch. Gute Männerfreundschaften schaffen ein soziales Fundament außerhalb der Beziehung.
Das kann einer Partnerschaft guttun.
Männerfreundschaft ist keine Reservemannschaft
Ich kenne noch eine zweite Geschichte. In meinem Viertel freundete ich mich mit einem Mann an, den ich als schwer traumatisiert und in Beziehungen entsprechend verletzlich erlebt habe. Als seine Frau ihn verließ, verbrachten wir viel Zeit miteinander. Wir redeten, trafen uns häufig und entwickelten eine Nähe, die ich als echte Freundschaft verstanden habe.
Dann kam seine Frau zurück.
Und die Freundschaft verlor sich.
Natürlich kenne ich nicht alle Gründe. Vielleicht spielen seine traumatischen Erfahrungen eine Rolle. Vielleicht fällt es ihm grundsätzlich schwer, Beziehungen kontinuierlich zu pflegen. Vielleicht interpretiere ich Teile der Geschichte falsch.
Trotzdem bleibt bei mir eine Frage hängen: War die Freundschaft besonders wichtig, solange die Frau weg war? Und wurde sie überflüssig, nachdem sie zurückkam?
So möchte ich Freundschaft nicht verstehen.
Ein Freund ist keine Reservemannschaft, die eingewechselt wird, wenn die Partnerin gerade nicht verfügbar ist. Er ist auch kein Notstromaggregat, das jahrelang unbeachtet im Keller steht und bei einer Beziehungskrise sofort anspringen soll.
Männerfreundschaften brauchen Zeit, Interesse und Verbindlichkeit. Wer jahrelang kaum etwas investiert, kann nicht automatisch erwarten, dass ein Freund im nächsten großen Liebeskummer wieder bereitsteht.
Warum gilt romantische Liebe automatisch als wichtiger?
Vielleicht sollten wir noch grundsätzlicher fragen: Warum behandeln wir romantische Liebe als höchste Form menschlicher Verbundenheit?
Natürlich besitzt sie eine enorme Kraft. Sexualität, Verliebtheit, gemeinsame Wohnungen, Kinder und Zukunftspläne schaffen starke Bindungen. Aber sie garantieren keine Dauer. Menschen trennen sich. Ehen scheitern. Menschen verlieben sich neu.
Manche Männerfreundschaften dagegen begleiten Menschen über Jahrzehnte.
Warum sollte eine Freundschaft von 20, 30 oder 40 Jahren automatisch weniger wert sein, nur weil keine Sexualität dazugehört?
Vielleicht brauchen Männer einen weiteren Begriff von Liebe. Einen, in dem ein Mann sagen kann: Dieser Freund gehört zu meinem Leben. Ich liebe ihn. Ich will ihn nicht verlieren.
Eine selbstbewusste Partnerin muss sich davon nicht bedroht fühlen. Und ein selbstbewusster Mann sollte seine Freundschaften nicht verstecken, herunterspielen oder aufgeben müssen.
Gute Männerfreundschaften können Partnerschaften stärken
Ich glaube deshalb, dass starke Männerfreundschaften eine Liebesbeziehung stabilisieren können. Ein Mann mit eigenem sozialem Fundament muss sich weniger an seiner Partnerin festhalten. Er braucht sie nicht als einzige emotionale Quelle seines Lebens.
Das macht einen großen Unterschied.
Der Satz „Du bist alles für mich“ klingt romantisch. Im wirklichen Leben finde ich ihn zunehmend beunruhigend. Ich möchte für keinen Menschen alles sein müssen.
Viel gesünder erscheint mir: Du bist einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben. Und neben Dir gibt es andere Menschen, die ebenfalls zu mir gehören.
Freunde, Kinder, Geschwister, Nachbarn, Kolleginnen und Kollegen. Menschen, mit denen wir reden, lachen, streiten, feiern und durch Krisen gehen.
Ein Mensch braucht ein Netz. Keinen einzigen Haken, an dem das ganze Leben hängt.
Natürlich dürfen Männerfreundschaften enden
All das bedeutet nicht, dass jede Freundschaft erhalten werden muss. Auch ein Freund kann egoistisch, manipulativ oder respektlos sein. Er kann Grenzen überschreiten oder versuchen, eine Partnerschaft zu sabotieren. Menschen entwickeln sich auseinander. Manche Freundschaften enden zu Recht.
Aber eine Freundschaft sollte möglichst aus Gründen enden, die in dieser Freundschaft liegen.
Nicht, weil plötzlich eine Frau da ist. Nicht, weil die Partnerin den Freund nicht besonders mag. Nicht, weil sämtliche Zeit und emotionale Energie in die Paarbeziehung fließen.
Und schon gar nicht, weil im Hintergrund die Vorstellung wirkt, die romantische Beziehung sei die eigentliche Beziehung des Lebens und alles andere bloß Beiwerk.
Was ich an manchen Männern schwach finde
Ich halte Männer nicht für besonders stark, wenn sie ihr gesamtes soziales Leben einer Partnerschaft unterordnen. Für mich hat das eher mit Abhängigkeit als mit Stärke zu tun.
Stärke bedeutet, unterschiedliche Beziehungen gestalten zu können: Partner sein, Freund sein, Vater sein, allein sein können. Nähe zulassen, Grenzen setzen, Konflikte aushalten.
Männliche Autonomie bedeutet für mich gerade nicht, niemanden zu brauchen. Das wäre das alte Bild vom einsamen Mann, der angeblich alles mit sich selbst ausmacht.
Autonomie heißt für mich etwas anderes: Ich darf verschiedene Menschen brauchen, ohne mein gesamtes Leben einem einzigen Menschen auszuliefern.
Vielleicht müssen Männer einander wieder wichtiger werden
Der Verlust meines besten Freundes nach 36 Jahren tut mir weh. Warum sollte ich so tun, als wäre das anders?
Wenn eine Ehe nach 36 Jahren zerbricht, versteht jeder den Schmerz. Wenn eine jahrzehntelange Männerfreundschaft endet, scheint dagegen oft nur ein Schulterzucken vorgesehen zu sein.
Dabei können Männerfreundschaften zu den großen Beziehungen unseres Lebens gehören.
Vielleicht müssen Männer anfangen, sie auch so zu behandeln. Nicht als Beilage zur Partnerschaft. Nicht als Übergangslösung zwischen zwei Beziehungen. Nicht als Notfallkontakt und nicht als Reservemannschaft für jene Zeiten, in denen gerade keine Frau verfügbar ist.
Mankeeping und Greedy Marriage beschreiben zwei Seiten desselben Problems: Was passiert, wenn eine Partnerschaft zu viel übernehmen muss und andere Beziehungen verkümmern?
Eine gute Liebesbeziehung braucht keine verbrannte Erde um sich herum. Sie braucht zwei eigenständige Menschen mit eigenen Beziehungen, Interessen und Geschichten.
Und Männer, die einem anderen Mann sagen können: Du bist mir wichtig.
Auch wenn ich eine Frau liebe.
Kribbeln im Bauch – Emil, Jorin Hagen, JHNWNDT
Zum Weiterlesen: Männerfreundschaften und Partnerschaften
„Mankeeping: Die emotionale Pflege von Frauen für ihre Männer“
Darin geht es genau um das Muster, das Du beschreibst: Frauen werden für manche Männer zur wichtigsten oder einzigen emotionalen Bezugsperson, organisieren soziale Kontakte mit und übernehmen damit einen Teil der Beziehungsarbeit, die eigentlich auch über Freundschaften getragen werden könnte.
Deutschlandfunk Kultur: Mankeeping – die emotionale Pflege von Frauen für ihre Männer
„Frauen leiden darunter, die engsten Vertrauten ihrer Partner zu sein“
Darin wird die Forscherin Angelica Ferrara zu Männerfreundschaften, Einsamkeit und Mankeeping interviewt. Der zentrale Punkt passt sehr gut zu Deinem Text: Wenn Männer außerhalb der Partnerschaft zu wenig emotionale Nähe pflegen, konzentriert sich sehr viel auf die Frau. Die Zeit
DIE ZEIT: Frauen leiden darunter, die engsten Vertrauten ihrer Partner zu sein
Besonders treffend ist eine Aussage aus der Studie Männliche Lebenswelten von Armin Bernhard und Lothar Böhnisch. Ein jüngerer Mann sagt dort: „Früher habe ich mit meinem besten Freund über persönliche Probleme gesprochen. Jetzt habe ich dazu meine Frau.“ Genau in diesem Satz steckt ein Teil des Problems. Die Partnerin ersetzt nicht nur eine Liebesbeziehung, sondern übernimmt zunehmend auch die Rolle des engsten Vertrauten.
Männerfreundschaften verlieren dadurch leicht ihre emotionale Tiefe. Der Freund bleibt vielleicht noch für gemeinsame Unternehmungen, Gespräche über Arbeit oder Hobbys zuständig, aber die persönlichen Sorgen wandern in die Paarbeziehung. Die Autoren zeigen, dass gut zwei Drittel der befragten Männer persönliche Probleme vor allem mit ihrer Partnerin besprechen; Freunde spielen dabei, besonders bei älteren Männern, eine deutlich kleinere Rolle.