Alte Wut – Wenn Trauma weiterlebt: Die Geschichte eines Vater-Tochter-Erbes

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Alte Wut

Alte Wut, die habe ich vermutlich mit mir rum und die scheinbar gar nicht meine ist. Auch meine Familie mütterlicherseits musste aus Ostpreussen fliehen. Die Urgroßeltern kamen auf der Flucht ums Leben. Mein Opa ist als Volksturm im Januar 1945 in der Fest Lötzen, wo der nach (Nord-)Westen fliehenden Bevölkerung Zeit verschafft werden sollte, verschollen. Das ist meine Verbindung zu der Geschichte, um die es hier gehen soll.

Caro Matzko wagt etwas, wofür vielen schlicht der Mut fehlt: Sie folgt der Fluchtroute ihres Vaters, Jahrgang 1934, der als Zehnjähriger Ostpreußen verlassen musste – gehetzt, traumatisiert, entwurzelt. Acht Jahrzehnte später steht seine Tochter an denselben Orten, aber mit einer anderen Last im Gepäck: ihrer eigenen Geschichte aus Magersucht, Depression und Burn-out.

Es ist ein Blick auf zwei Leben, die durch unsichtbare Fäden miteinander verknüpft sind. Fühlen ist hier kein Lifestyle-Thema, sondern eine Überlebensfrage.

Die Weitergabe der Angst – Schweigen als Erziehung

Der Vater lernte früh, Gefühle abzustellen. Ein Schutzmechanismus, geboren aus Gewalt, Verlust und der Erfahrung, dass Emotionen nichts nützen, wenn die Welt brennt. Dieses Schweigen – hart, kalt, scheinbar funktional – formte seine Tochter. Wer ohne Resonanz aufwächst, richtet die Wucht nach innen. Matzko beschreibt das ohne jedes Selbstmitleid, eher mit einer klaren, prüfenden Sprache, die dem Leser zeigt: Emotionale Kälte ist nicht Charakter, sie ist Geschichte.

Epigenetik trifft Familienpsychologie

Ganz nebenbei, aber äußerst präzise, zeigt Matzko, wie Krieg weiterwirkt – im Körper, in der Stressphysiologie, in den Beziehungsmustern der Nachkommen. Die „alte Wut“ ihres Vaters findet sich in ihrer eigenen Selbstzerstörung wieder. Nicht als Schuldfrage, sondern als stille Vererbung. Die Reise macht begreifbar, wie tief diese Dynamiken greifen – und warum viele Menschen heute noch mit Symptomen kämpfen, die sie nie selbst erlebt haben.

Eine Reise, die mehr zeigt als Landschaften: Ostpreußen als Resonanzraum

Matzko reist mit Familie und Hund den Weg zurück: Ostróda, die Orte der Angst, die Orte der Zuflucht. Die Landschaft wird zur Projektionsfläche für das, was nie ausgesprochen wurde. Die Autorin schafft es, Ostpreußen weder zu verklären noch historisch zu entkernen. Es bleibt ein Raum für Fragen: Wie lebt man mit einer Vergangenheit, die nie die eigene war – und doch im eigenen Körper sitzt?

Humor als Rettungsanker

Was das Buch Alte Wut so lesbar macht, ist der besondere Ton: Matzko balanciert zwischen Schmerz und Witz, zwischen präziser Beobachtung und liebevoller Selbstironie. Sie gönnt dem Leser Atempausen, ohne die Schwere zu leugnen. Das ist selten. Und es sorgt dafür, dass die Reise ins alte Ostpreußen nicht wie ein Leidenstagebuch wirkt, sondern wie ein mutiges Stück Gegenwartsliteratur.

Politische Wut als Erbe

Die „alte Wut“ des Vaters zeigt sich nicht nur in seinem Schweigen, sondern auch in seiner politischen Radikalisierung. Matzko beschönigt das nicht, sie erklärt es aber aus seiner Biografie heraus. Die Lesenden sollen verstehen – nicht entschuldigen. Dass die Autorin beides gleichzeitig kann, macht dieses Buch zu einem wichtigen Beitrag in einer Zeit, in der jede Debatte zu eskalieren droht.

Warum dieses Buch gerade jetzt gebraucht wird

Weil wir in Deutschland noch immer nicht gelernt haben, wie man über familiäre Kriegslasten spricht. Weil viele die Wut – die alte Wut – oder die Erschöpfung ihrer Eltern mittragen, ohne zu wissen, warum. Und weil „Fühlen“ wieder ein Weg zurück zur Selbstbestimmung wird.

Dieses Buch führt zurück in die Vergangenheit, um Gegenwart verständlicher zu machen – und Zukunft freier und sicherer zu gestalten.

Alte Wut – Warum ich an den Ort reiste, von dem mein Vater einst fliehen musste

Autorin: Caro Matzko
Verlag: Piper
Erscheinungsjahr: 2025
ISBN: 978-3-492-07372-1
Kategorie: Geschichte, Biographie, Reise, Spurensuche, Psychologie
Buch hier bestellen

P.S.: Leider stellt der Verlag keine freiverfügbare Leseprobe zur Verfügung. Diese ist nur, über die Buchseite bei Piper zu lesen, was sehr unbequem ist.

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Papalapapi

Ich heiße Mark und bin Vater einer wundervollen Tochter. Papalapapi Vaterblogger, Elternblogger und Männerblogger beschäftigt sich mit Themen rund ums Kinderhaben und Mannsein aus einer subjektiven männlichen und vor allem väterlichen Sicht.

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