US-Präsident Donald Trump hielt gestern in Davos eine seiner bizarrsten Reden vor der Weltöffentlichkeit. Wirr, sprunghaft, faktisch falsch. Schamlos belügt er sein Publikum – und erstaunlich viele spielen dieses Spiel mit. Trotz offener Lügen, brutaler Verdrehungen und eines Redeflusses voller Desinformation wird Trump mit freundlichen Begrüßungen und Applaus empfangen, als sei alles völlig normal. Doch hier ist nichts normal. Und schon gar nichts in Ordnung.
Weitgehend besteht Einigkeit darüber, dass Trump ein klassischer Narzisst ist. In der Konsequenz bedeutet das: Es spricht vieles für eine narzisstische Persönlichkeitsstörung. Eine solche Störung belastet nicht den Betroffenen selbst – sondern vor allem sein Umfeld. Trump leidet nicht unter seiner eigenen Toxizität. Leiden müssen andere. Kaliforniens Gouverneur Gavin Newsom brachte es treffend auf den Punkt: Trump sei wie ein T-Rex – entweder man unterwirft sich, oder man wird gefressen.
Besonders rätselhaft bleiben Trumps Anhänger und Mitarbeiter. Sie tragen seine Lügen mit, reproduzieren sie, stabilisieren sein Weltbild. Trump bewegt sich erkennbar in einer Parallelrealität und zeigt Anzeichen wahnhaften Erlebens: Er behauptet Dinge, die nachprüfbar nicht existieren. Die entscheidende Frage lautet daher: Lügt er bewusst zu seinem vermeintlichen Vorteil – oder glaubt er tatsächlich an das, was er sagt?
Diese Frage lässt sich nicht eindeutig beantworten. Doch noch irritierender ist sein Umfeld. Es muss Menschen geben, die erkennen, dass seine Wahrnehmung verzerrt ist. Oder sind sie so tief in das Trump-System verstrickt, dass auch sie beginnen, Unwahres für wahr zu halten?
Beispiele typischer Trump-Lügen / Trumps Wahnerleben
- Trump verwechselte bei seiner Rede gestern in Davos Island mit Grönland. Er redetet über Grünland sagte aber mehrdach Island (Iceland). Das war wirr. Seine Karoline Leavitt erklärt, darauf angesprochen, dass der Fragesteller falsch sei, der US-Präsident hätte über ein Land bedeckt von Eis gesprochen und eben nicht die beiden Inseln verwechselt.
- Auf „Island“ (er meint Grönland) würde sie ihn liebevoll Daddy nennen.
- In seiner grauenhafte Rede vor der Vollversammlung der UN 2025 behauptete Trump, der menschengemachte Klimawandel wäre die größte Lüge in der Geschichte der Menschheit.
- Er behauptet, die USA hätten beim „War in Terror“ in Afghanistan gar keine Unterstützung benötigt und die eingesetzen aliierten Verbände wären nicht an vorderster Front gewesen.
- Als er Militär (Nationalgarde) nach Portland schickte, erhauptete er, die Stadt wäre ein Höllenloch, man könnte dort nicht mehr leben, Freund von ihm wären deshalb dort weggezogen.
- Man würde ihn in Europa schon „König von Europa“ nennen.
- An allem, was nicht gut laufe in den USA wäre Joe Biden schuld. Und wenn nicht Biden an allem schuld wäre, dann wäre es die „Antifa“, die er zur Terrorogranisation erklärt (was vollkommen absurd ist, weil die Antifa keine Organisation ist) und/oder die „radikale Linke“. In dieser Logik wäre 90% von Europa radikal Links.
- Er hätte 8 Kriege beendet.
- Die Regierung von Norwegen hätte sich dazu entschieden, ihm keinen Friedensnobelpreis zu verleihen.
- Dass er in den Epstein-Files auftaucht, wäre eine Verschwörung der Demokraten.
- Sein gezeichneter Geburtstagsgruß an Epstein sei eine Fälschung.
- Die Inflation sei niedrig, den USA würde es besser gehen, als jemals zuvor.
- usw. usf.
Wie kommt zu dieser Enthemmung, zu Schamlosigkeit und Unterwürfigkeit
Die Weltgeschichte ist reich an Literatur zu diesem Thema. Alice Miller und Hannah Arendt haben dazu gearbeitet, Heinrich Mann darüber geschrieben, Der Hauptmann von Köpenick es literarisch verdichtet – und der deutsch-schweizerisch-amerikanische Psychoanalytiker Arno Gruen hat es zu seinem Lebensthema gemacht: den Verrat am Selbst, die Banalität des Bösen, die freiwillige Unterwerfung unter die Macht eines menschenverachtenden Führers. Die Frage lautet: warum?
Und weiter gefragt: Warum entstehen überhaupt solche schwer gestörten Persönlichkeiten, die ganze Gesellschaften terrorisieren und für die Realität keine Rolle mehr spielt? Hat es das schon immer gegeben?
Ich bin einmal auf eine These gestoßen, die ich bemerkenswert finde: In naturnahen Gemeinschaften vor dem Patriarchat konnten sich solche extremen Formen von Machtmissbrauch und Narzissmus kaum entfalten. Der Stamm regulierte Abweichungen. Persönliche Störungen wurden durch den Widerstand der Gemeinschaft begrenzt, bevor sie zerstörerisch wirken konnten. Das Ganze zählte mehr als der Einzelne – und darüber wachten alle.
Was mir jedoch größere Sorgen bereitet, ist etwas anderes: dass Empathielosigkeit, Rachsucht und Niedertracht heute Applaus bekommen. Ich halte das System des enthemmten Kapitalismus – alle gegen alle – für einen massiven Verstärker. Es fördert nicht nur Narzissmus und Rücksichtslosigkeit, sondern ebenso Unterwerfung, Anpassung und Selbstverleugnung gegenüber den brutalsten unter den sogenannten „Machern“. Das ist die eine Seite.
Die andere ist das, was als „Schwarze Pädagogik“ bezeichnet wird. Mit ihr ist Trump aufgewachsen, und mit ihr wachsen leider immer noch viele Menschen in den USA auf. Auch bei uns gibt es das – aber, so scheint mir, in deutlich geringerem Ausmaß.
Gewalt, Unterdrückung, Machtausübung, Liebesentzug und emotionale Erpressung sind zentrale Methoden dieser Erziehung. Alice Miller hat das vor Jahrzehnten präzise herausgearbeitet. Solche Praktiken erzeugen Generationen von empathiearmen, unreflektierten, innerlich verarmten Menschen. Sie wählen sich dann einen „König“, der all das verkörpert, was sie selbst nicht fühlen dürfen – und erleben dabei etwas, das sie mit Zugehörigkeit verwechseln. Ein Zuhause. Das ist schwer auszuhalten.
Wir müssen Widerstand leisten. Alle. Jetzt. Dazu gehört auch, unsere technologische Abhängigkeit von den USA zu reduzieren. Raus aus Instagram und Facebook, Abstand von Apple und Microsoft, Abschied von ChatGPT und all dem hübsch verpackten Kram aus einem zunehmend antidemokratischen, menschenverachtenden Amerika.
Mark Cartneys Rede in Davos
Als wohltuendes Gegengewicht zur gestörten Persönlichkeit Donald Trumps rückte in Davos der kanadische Premier Mark Carney in den Fokus. Seine illusionslose, nüchterne und zugleich bemerkenswert klare Rede wirkte wie ein Schutzraum gegen das lähmende Gefühl, dass inzwischen die Wahnsinnigen das Zepter übernommen haben. Keine Beschwichtigung, kein falscher Optimismus – sondern Klarheit, Verantwortung und Haltung.
Carney sprach nicht, um zu beruhigen, sondern um Orientierung zu geben. Er benannte Risiken, Machtverschiebungen und Abhängigkeiten, ohne sie zu dramatisieren oder kleinzureden. Gerade darin lag die Stärke seiner Worte: keine Illusionen, aber auch keine Kapitulation. Während Trump Realität verbiegt, um sich selbst zu erhöhen, akzeptiert Carney Realität, um handlungsfähig zu bleiben.
Dieser Unterschied ist fundamental. Hier die narzisstische Eskalation, dort die erwachsene Haltung. Hier das permanente Kränkungstheater, dort die Bereitschaft, Verantwortung auszuhalten. Carney zeigte, dass Führung nicht laut sein muss, um wirksam zu sein – und dass Demokratie nicht durch Machtdemonstration verteidigt wird, sondern durch Klarheit, Selbstbegrenzung und Kooperation.
Vielleicht war genau das der Moment, der in Davos hängen blieb: Nicht der Lauteste setzte den Ton, sondern derjenige, der der Wirklichkeit standhielt. Und das ist, in diesen Zeiten, alles andere als selbstverständlich.
Die Macht des Systems kommt nicht aus seiner Wahrheit, sondern aus der Bereitschaft aller, so zu tun, als wäre es wahr, und seine Fragilität rührt aus derselben Quelle. Wenn auch nur eine Person aufhört mitzuspielen, wenn der Gemüsehändler sein Schild entfernt, beginnt die Illusion zu bröckeln.
Mark Carney
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