Die Ära des geilen Harvey Weinstein ist vorbei. Das Schweigen auch?

Harvey Weinstein

Harvey Weinstein soll nicht nur Schauspielerinnnen, die scheinbar von seinem Goodwill abhängig waren, sexuell belöstigt haben, es stehen auch Vergewaltigungsvorwürfe im Raum. Der bis dahin einflussreiche Hollywood-Produzent bestreitet – natürlich – alle Vorwürfe. Aber die Flut der Beschuldigen will nicht abreißen, viele große Schauspielerinnen, Angelina Jolie, Gwyneth Paltrow, Rosanna Arquett, beschuldigen ihn schamloser sexueller Übergriffe aus seiner Machtposition heraus. Wie SPIEGEL Online schreibt, nennen sie sein Verhalten „widerlich“, „monströs“, „unentschuldbar“, „erschütternd“, wie das eines gefräßigen Ogers. In der Tat sieht Harey Weinstein („Pulp Fiction“, „Der englische Patient“, „Shakespeare in Love“, „The King’s Speech“ uva.) aus wie ein Oger (ein „menschenähnlicher Unhold in Märchen und Sagen“) und sich auch so benommen haben. Für sein Aussehen kann er ja nix, aber Weinstein hat sich offenbar nicht selten, wie ein richtiges Arschloch benommen. Dass niemand was gesagt hat, ist aber der eigentliche Skandal.

Ist Harvey Weinstein ein Oger?

Peter Körte beschreibt in der FAZ eine kleine Begegnung mit diesem Oger: „Es ist nun eine naive Erwartung, dass Männer, die etwas bewegt haben in Politik, Wissenschaft, Sport oder Kultur, auch sympathisch sein müssten und womöglich moralische Vorbilder. Wer Harvey Weinstein mal erlebt hat, und sei es nur aus der Halbdistanz, auf der Terrasse des Hotels Excelsior in Venedig, der konnte ahnen, dass es auch als Mann nicht angenehm sein muss, seinen Unwillen zu erregen. Aggressiv wie ein Keiler bahnte er sich da mit vorgeschobenem Kopf und wuchtigen Schritten seinen Weg und faltete einen Kellner, der sich ihm servil näherte, zusammen. Das war vor knapp zwanzig Jahren ein zufälliger, aber bleibender Eindruck.“

WELT Online schreibt zum „Weinstein-Skandal: Die Ära des geilen Mannes ist vorbei: Es ist eine ungünstige Zeit für geile Männer, vor allem, wenn sie Professor-Unrat-mäßig versuchen, die Demütigung des Alterns durch Sex mit schönen Frauen kompensieren.“

Warum das große Schweigen?

Das ist eigentlich das große Rätsel. Und es waren nicht nur betroffene Frauen, die ihre bitteren Erfahrungen verschwiegen haben. Auch andere, auch Männer haben davon gewusst. Es war offenbar ein „offenes Geheimnis in Hollywood, dass Produzent Weinstein eine Sau ist und die gute alte Besetzungscouch noch bei sich … stehen hat. Sexuelle Belästigung ist in den USA, die lange schon der Bigotterie und der Prüderie überführt sind, ein breites Thema. Die Sexismus-Debatte hat dort schon vor vielen Jahren hohe Wellen geschlagen, wir erinnern uns an die Sache mit den Fahrstühlen, den Highschools und selbst den Kindergärten. Auch das Pussy-Grabbing des derzeiten US-Präsidenten Trump kommt uns wieder ins Gedächnis. „Ich sage manchmal, dass ich zwei Jungs zu Hause habe: meinen kleinen Sohn und meinen Mann. Ich weiß aber auch, wie manche Männer reden …“, erklärte Melania Trump das schäbige Verhalten ihres Mannes.

Ich weiß gar nicht, was so toll daran sein soll, eine fremde Frau einfach zu anzugrabbeln. Jedenfalls wundert es mich nicht, wenn du dann richtig eine gescheuert kriegst. Ich wundere mich eher, weshalb so viele Frauen, so viele Menschen so lange Schweigen. Weshalb verkaufst du deine Würde für deine Karriere? Wie kann das angehen? Wie ist es so weit gekommen?

Die Debatte um sexuelle Übergriffe durch Männer erweitern

Ich verstehe bis zu einem gewissen Grad, dass Männer in mächtigen Positionen in Versuchung geführt werden.
Wir erinnern uns an den Banker Dominique Strauss-Kahn, den man in New York eingebuchtet hatte, weil er Zimmermädchen angegangen haben soll. Und da kam noch mehr ans Licht, auch er war bekannt, für seine sexuelle Gier. Im Fall Harvey Weinstein kann ich mir vorstellen, dass er es auch erlebt hat, dass angehende Schauspielerinnen ihm freiwillig zu Diensten waren. Ich will das nicht verharmlosen, aber solches Verhalten ist nicht selten in unseren Büros und immer dort, wo es um Macht und Geld geht. Entweder Frauen unterwerfen sich freiwillig, weil sie sich einen Vorteil davon versprechen oder sie werden dazu genötigt. Es gibt Frauen, die sich auf diese Art, zuweilen auch durch Heirat, ein schönes Leben „erwerben“. Von Prostitution kaum zu unterscheiden. Ich will die Übergriffe nicht verharmlosen oder rechtfertigen, ich will nur auch diesen Aspekt dabei beleuchtet wissen.

Aber am Meisten interessiert mich, weshalb so viele Leute schweigen, wenn sie gedemütigt werden, benutzt und missbraucht. Woher kommt das? Und ich sehe das nicht nur bezogen auf sexuelle Belästigung oder Erpressung. Diese Psychonummer gibt es auch in harmloser. Schleimem, anpassen, heucheln, die gute Mine zum bösen Spiel ist alltäglich, die meisten Menschen funktionieren so. Und es gibt die angeblichen „Alphatiere“, die das schamlos ausnutzen. Ich habe die Schleimerei in einer Abteilung selber mitansehen müssen, die Anbiederung an den Abteilungsleiter und das anschließende Mobbing gegen Schwächere. Hier liegt für mich der Hase im Pfeffer, der Verrat am Selbst, das Schweigen zu Unrecht, die Angst um die eigene Karriere. Das kann nicht angehen.

Der Weinstein-Skandal hat einen weiteren Aufschrei ausgelöst und das ist auch gut so. Unter dem Hashtag „MeToo“ (#MeToo) outen sich weltweit sehr viele Frauen, dass auch sie missbraucht, vergewaltigt oder belästigt wurden. Natürlich von Männern. Andersherum ist das ja kaum denkbar.

Gerade kommt die Meldung, dass der Chef der Amazon Studios Roy Price wegen Missbrauchsvorwürfen zurückgetreten ist.

Foto: Bestimmte Rechte vorbehalten von Peabody Awards

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