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Die letzten Tage in der Grundschule und in dieser Welt

Abschied von der Grundschule
Die letzten Tage in der Grundschule und dieser Welt

Gestern wurden die 4.-Klässler in unserer Grundschule mit einer tollen Schulfeier in der Aula verabschiedet. Es war ein Emo-Abschied, wie er ergreifender kaum sein konnte. Mit Singen, Umarmungen, Aufführungen, Reden und tosendem Applaus. Man muss schon eine künstlicher Intelligenz sein, wenn einem da nicht die Tränen kamen.

Aber, ach. Eine Klasse hatte eine Art Hörspiel, eine „Radiosendung“ vorgeführt zum Thema – festhalten – Klimawandel und Friday´s for Future. Dabei wurden Weltuntergangsszenarien verbal an die Wand gemalt. Etwa Familien, die durch den Anstieg des Meeres in, ehm, Hamburg, umgesiedelt werden mussten. Wie nannten die das? Vergessen. War aber ein klasse Begriff aus dem kreativen Katastrophen-Repertoire. Es war 2045 und alles wurde ziemlich finster gezeichnet. Strom war rationiert, die Menschen fatalistisch. Natürlich spielten Demokratie und Frieden gar keine Rolle, und anderes auch nicht. Nur die Apokalypse des Klimawandels hatte Raum in diesem Vortrag der 10-Jährigen.

Kucken die eigentlich auch schon Fernsehen? Nachrichten? Wissen die, wie das alles gekommen ist und was früher war? Früher, da hat man die Pimpfe in der Grundschule in Uniformen gesteckt und darauf vorbereitet, die Nachbarländer zu überfallen, die Bevölkerung zu dominieren und alle anderen totzuschießen. Zu anderen Zeiten wurden Ängste vor der atomaren Nachrüstung geschürt und apokalyptische Filme kamen in die Kinos, die eine trostlose Welt nach einem Atomkrieg zeigten. Heute wird die Angst vor der Kimakatastrophe in die Köpfe gepflanzt und alles andere wird ausgeblendet, jeder Zusammenhang, jede Anstrengungen, die Lage zu verbessern, der gute Wille, die Kreativität, Demokratie, der Sieg über furchtbare Krankheiten und die Fortschritte bei Hunger und bitterster Armut. All das passt natürlich in die Köpfe der Kinder nicht hinein. Aber Katastrophenszenarien gehen immer.

Was ist eigentlich mit diesen Lehrern? Sie sind Beamte. Und wenn ihr Haus an der Elbe absäuft, holen sie sich den nächsten Kredit und ziehen in einen Klinkerhof im Hinterland. Was soll eigentlich den Lehrern geschehen bei einer Wirtschaftskrise und extremer Arbeitslosigkeit? Was, wenn durch den Klimawandel der Unterschied zwischen Privilegierten und Benachteiligten noch sichtbarer wird? Dann kann man eigentlich nur hoffen, dass die Elbe so hoch steigt, das niemand mehr irgendwas sieht. Aber das wird natürlich nicht geschehen. Niemand weiß, was geschehen wird.

Aber wir hier sind es gewohnt, dass alles immer schon easy und schaukelibaukeli weitergeht. Keine Natur, keine wilden Tiere, nicht mal Bill Bo und seine Bande konnten uns bisher etwas anhaben. Da müssen wir schon weit ausholen, um die nächste Katastrophe in die Schädel zu pflanzen. Das wird sicher helfen. Damit das Gejammer, Gezeter, der Drogenmissbrauch und die Depressionen ja nicht abnehmen.

Ich habe meine Sitznachbarn bei dieser Feier in unserer Grundschule nach einem Strick gefragt. Gab aber keinen. Dann warte ich eben aufs Wasser.

Der endgültige Abschied von der Grundschule

Heute ist der letzte Grundschultag meiner Tochter. Ich hole sie nach dem Unterricht ab. Ist eher symbolisch, denn sie ist diese Woche bei ihrer Mama und geht mit einer Klassenkameradin zu dieser nach Hause.

Ich komme und schieße letzte Fotos und bedanke mich bei ihrer Klassenlehrerin. Im ersten Jahr war meine Maus regelrecht verliebt in ihrer Lehrerin, Tränen flossen am letzte Schultag vor den Ferien. Und jetzt? Das ist vorbei, seit die Klassenlehrerin meinte, auf Leistung und Pauken mehr Wert zu legen und sich auf die Gymansialkinder konzentrieren zu müssen. Das Abschlusszeugnis aber war gut.

Das Kind ist traurig und sicher viele ihrer Klassenkameradinnen auch. Ich kann es den Hamburgern nicht verzeihen, dass sie sich vor 10 Jahren gegen die Primarschule und das längere gemeinsame Lernen in einem Volksentscheid aussprachen. Angst verleitete sie zu dieser falschen Entscheidung, Angst und … Bildungspanik.

Aber prügel du mal Vernunft in das Volk!

Jetzt wird also der Klassenverband meiner Tochter brutal und endgültig auseinandergerissen. Die einzig gute Nachricht ist, dass sie in eine Reformschule kommt, die konsequent 5 ihrer Klassenkameradinnen mit ihr zusammen in die neue Klasse steckt. Diese Schule rettet mit ihrem konsequenten Konzept, was zu retten ist. Wir haben viel Glück.

Aber heute bin ich auch traurig, traurig, wie meine Tochter. Und sauer auf die Eltern, die etwas anderes wollten. Die Lehrer reden uns diesen Krampf jetzt schön, dass Abschied nun mal dazugehöre und auch Chance ist … der übliche Bullshit halt, der die Gefühle des Verlustes und der Trauer bemänteln soll. Profis, die jedes Jahr Abschied „feiern“.

Das, was auch meiner Sicht den Menschen, uns Menschen auszeichnet, nämlich Beziehungen – Freundschaften und Liebe – und Mitgefühl wird mit dem Auseinanderreißen des in unserem Fall wirklich tollen und zauberhaften Klassenverbandes negiert und äußerst gering geschätzt. Da dieses Land dies genau so will, da ein Großteil besorgter Bürger und Eltern dieser Stadt es so gewählt hat, richtet sich meine Wut darüber nicht gegen ein System, sondern gegen diejenigen, die bei diesem, wenn man es genau nimmt, gewalttätigen Bildungsystem bleiben wollen. Man hat das Konzept der Konkurrenz, des Rennens um die besten Jobs und damit um die letzten Ressourcen ohne Rücksicht auf Verluste tief verinnerlicht.

Das nennt sich Bildungspanik. Da ich ein anderes Menschenbild habe, einen anderen Zugang zum Leben und weder die Grundschule noch überhaupt Schule nicht als etwas identifiziere, dass mit einem gelingenden Leben in unmittelbaren Zusammenhang steht, bin ich für diese Angst nicht anfällig. Bin eh kein ängstlicher Typ und stelle mich den Dingen, wie sie sind. Die Dinge, wie sie am heutigen Tage sind, sind bewusst von meinen Mitbürgern so gewollt: als unbarmherzige Zerstörung von Beziehungen.

Scheiße ist das alles!

Prof. Heinz Bude: Bildungspanik schadet dem gesellschaftlichen Zusammenhalt

Über Papalapapi
Ich heiße Mark und bin Vater einer wundervollen Tochter. Papalapapi Vaterblogger, Elternblogger und Männerblogger beschäftigt sich mit Themen rund ums Kinderhaben und Mannsein aus einer subjektiven männlichen und vor allem väterlichen Sicht.

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