Männliche Gewalt feiert mediale Urstände: Will Smith schlägt zu – Oliver Pocher kriegt am Boxring eine runter

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Am vergangenen Wochenende sorgte toxische Männlichkeit jenseits von Putins schrecklichem Krieg in der Ukraine für mediale Aufmerksamkeit. Erst erhielt TV-Provokateur Oliver Pocher bei einer Box-Veranstaltung unversehens eine schallende Backpfeife. Dann sorgte der bekannte und beliebte Schauspieler Will Smith, eigentlich bekannt für sehr humorvolle, leichte Rollen, bei der diesjährigen Oskar-Verleihung für einen Skandal, als der vor laufenden Kameras mitten in der Show dem Comedian Chris Rock eine schallerte.

Ein sublimierter Fehdehandschuh: Das liegt in der Natur der Sache. Die Backpfeife zielt auf das Gesicht und damit auf Gesichtsverlust. Ihren Ursprung hat diese Übersprungshandlung im Duell, sie ist also ein sublimierter Fehdehandschuh. Deshalb ist sie teils tatsächlich tätliche, teils nur symbolische Gewalt.

Arno Frank auf SPON: Ohrfeigen für Chris Rock und Oliver Pocher Ein Nachglühen auf der Wange – darum geht es

Bei Pocher verwundert es wenig, dass der mal eine reinkriegt. Mit seiner großen Klappe greift er immer wieder irgendwelche Medienstars an oder beleidigt sie. Chris Rock dagegen war bisher nicht bekannt für beleidigende Übergriffe. Ganz abgesehen davon, dass der amerikanische Humor schärfer ist als unserer, dort ist man einiges gewohnt.

In beiden Fällen ging es um Frauen, also die »Ehre«, irgendwelche offenen Rechnungen. Die Verschulhofisierung der Öffentlichkeit schreitet voran. Eine Setzung, die eigentlich aus der Mode gekommen zu sein schien. Wie der Angriffskrieg.

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Im Falle von Oliver Pocher ging es auch um eine Frau, die dieser aber gegen die toxische Männlichkeit der deutschen Rapper-Szene verteidigte. Eine sogenannte Influencerin erhob schwerwiegende Vorwürfe gegen den Rapper Samra, dass dieser sie 2020 in einem Studio vergewaltigt haben sollte. Daraufhin hatte Oliver Pocher sich die deutsche Rapszene vorgeknöpft. „Es geht auch nicht, dass diese Jungs massenhaft über die ganze Nummer rappen. Frauen sind da wirklich nur Objekte. Das geht ja fast die ganze Zeit so in deren Texten“. (Hashtag #deutschrapmetoo)

Text-Ausschnitt von WATSON.DE unter dem Titel „Pocher rechnet mit der Deutschrap-Szene ab: „Erstmal sind die ganzen Charts durchmanipuliert. Wie du Follower kaufen kannst, kannst du einfach Streams bei Spotify kaufen, Likes kaufen, du kannst Youtube-Klicks kaufen und genau das wird gemacht. Es nervt. Die ganze Branche weiß es.“ Und weiter: „Fast nichts davon ist doch auch wirklich ein Hit. Genauso affig sind diese Instagram-Accounts mit diesen golduhrtragenden, protzenden Typen mit ihren ganzen Jungs.“ Mit der ursprünglichen Rapbewegung aus den 70ern und 80ern würde es heute nach Pocher keine Berührungspunkte mehr gebe.

Erbärmlich, dass sich ein Rapper der Szene dazu hinreißen lässt, seiner primitiven männlichen Gewalt auch noch öffentlich freien Lauf zu lassen. Das wird sicher gerichtliche Folgen für ihn haben. es handelt sich also eindeutig über die ebenfalls primitive narzisstische Kränkung, die dazu führt, drauflos zu schlagen, Backpfeifen zu verteilen.

Der Besitz von Frauen ist ebenfalls männliche Gewalt

In der Oskar-Nacht macht Komiker Rock einen Witz über Smith´ Ehefrau, die aufgrund einer Erkrankung einen kahlrasierten Schädel zeigt, der ihr allerdings sehr gut steht, sie ist eine sehr attraktive Frau. Smith fühlte sich aufgerufen, die Ehre seiner Frau mit einer öffentlichen Schlag ins Gesicht des Moderators zu verteidigen. Was für ein Scheiß.

Hier geht es nicht nur um beleidigte männliche Eitelkeit, sondern auch um einen Mann, der meint, seine Frau wie Besitz verteidigen zu müssen. Das Narrativ des starken Beschützer-Mannes, der sich mit körperlicher Macht gegen alles stellt, was ihm oder seiner Familie zu nahe geht, ist gefährlich. Gefährlich deshalb, weil es suggeriert, dass es gute Gewalt und böse Gewalt gibt. Dass Gewalt überhaupt eine Antwort auf irgendetwas ist. Und weil es eine Argumentation ist, die viel zu viele Opfer von häuslicher Gewalt zu hören bekommen – und die sind meist weiblich.

Sarah Stendel (STERN.DE)

Smith entschuldigte sich nun explizit bei Chris Rock und erklärte, sein Verhalten sei daneben und falsch gewesen – es sei ihm peinlich, schreibt Smith. Sein Verhalten spiegele nicht wider, welche Art Mann er sein wolle. »In einer Welt der Liebe und Freundlichkeit ist kein Platz für Gewalt.«
(Quelle: »Mein Verhalten war inakzeptabel und unentschuldbar«

Erst spät ist mir – und anderen – aufgefallen, dass die eigentlich Betroffene, nämlich die Frau von Will Smith noch gar nicht zu Wort gekommen ist. Niemand hat sie gefragt und sie selber hat keine Erklärung abgegeben. Diese Art toxischer Männlichkeit ist immer noch stark und offenbar tief im Unbewussten verankert – gerade auch bei Frauen.

Wie ich immer wieder erkläre, müssen gerade wir Männer uns gegen diese männliche Gewalt wenden, gegen toxische Männlichkeit, egal wie unbedeutend sie erscheinen mag. Gerade dann, wenn es sich um Frauen dreht – also um Macht und Besitz. Auch wenn das bei uns, in unserer Kultur nicht so eindeutig erkennbar ist, dass Männer Frauen als ihren Besitz und auf ihrer Macht bestehen, diesen mit Gewalt zu verteidigen.

„Im Kindergarten ermuntern sei die Jungen mit den Mädchen nicht zu streiten – einfach so, weil sie Mädchen sind.“

Dschena (FARBEN IM SCHNEE – Belarussische Frauen im Widerstand)
Damit beginnt männliche Gewalt, nämöoch mit Gewalt unter Jungs und Teenagern
Männliche Gewalt als Vorbild für Jungen und Teenager
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