Lesetipp für Männer: Sei kein Mann von JJ Bola

85 / 100

Ja, du liest richtig. Sei kein Mann steht auf dem Titel dieses Buches, das das ernste Gesicht des Autor im Hintergrund zeigt. Denn die Art, wie Männlichkeit gemeinhin zelebriert wird, ist ein Albtraum für Jungs. Und nicht nur für die. Das ist das Thema dieses tatsächlich brillant geschrieben Buch. Es ist aktuell das Beste Buch zum Thema Mannsein, dass ich seit Jahrzehnten gelesen habe.

Warum ist das so? Weil JJ Bola ein junger Mann ist und die Themen entsprechen sieht und angeht. Zudem stammt er aus Afrika und lebt in London in einem multikulturellen Schmelztiegel. Somit hatte er als Heranwachsender „Zugriff“ auf vielfältige männliche Rollenvorbilder. Aber war die alle so vielfältig?

Bola weitet in seinem Bericht den Blick, streckenweise ist das in dieser Form neu. Es sollte auch uns ältere Kerle erreichen. Ich bin ja der festen Überzeugung, dass du wirklich alt bist, wenn du nicht mehr weißt und verstehst, was die jungen Menschen sehen und denken, und was sie beschäftigt. Und das finden wir in diesem Buch ausführlich: Einen sehr wachen, sehr scharf, sehr ehrlichen, sehr neuen Blick auf Männlichkeit um uns herum, an die wir uns teilweise längst gewöhnt haben. Wie beispielsweise an die männlichen Fitness-Models, die jung, mit tollem Body und frischer Frisur zeigen, was Fitsein bedeutet. Hier fragt er, warum es keine Untersuchungen darüber gibt, welche Auswirkungen diese getunten und gepimpten Vorbilder auf junge Männer haben, während man heute sehr genau weiß, was es mit jungen Mädchen macht, wenn sie im Fernsehen oder auf Instagram auf die allglatten, superschlanken Models treffen, wie destruktiv sich das auf das Selbstbild junger Frauen auswirken kann. Dagegen weiß man nichts über die Auswirkung der Body-Models auf das Selbstbild junger Kerle.

Er schreibt über Spitzensportler insbesondere aus den körperbetonten Sportarten wie Basketball, Football, Rugby, Fußball und Eishockey. Sie sind was Männlichkeit angeht auch kein gutes Vorbild für die heranwachsenden Männer. die hier erleben, wie erfolgreich Ehrgeiz, Aggression und Kampf sein können.

Doch das ist nur die Fassade. Dahinter lautet das, was bisher nicht so sichtbar ist, besonders bei erfolgreichen Männern: Depression, Krankheit, Verzweiflung. Auch Homöopathie gilt ja bei diesen kampf- und körperbetonten Sportarten ein Tabu. Das zeigt Bola in Sei kein Mann. Und wir verstehen langsam, weshalb er sich für gerade diesen Titel entschieden hat. Es ist ein Buch über toxische Männlichkeit.

„Sei kein Mann“: JJ Bolas neue Vision von Männlichkeit | ttt

Wann ist ein Mann ein Mann?

In der Ära von Trump, #MeToo und Attentätern wie in Halle oder Hanau ist Männlichkeit kein positiver Begriff mehr. Der Aktivist JJ Bola sucht Auswege aus der Krise. Dabei betrachtet er Einflüsse aus nicht westlichen Traditionen, aus Popkultur und der LGBTQ+-Community und zeigt, wie vielfältig Männlichkeit sein kann.
JJ Bola lädt in versöhnlichem Ton ein zum Gespräch zwischen verhärteten Fronten. Denn erst wenn sich auch die Männer und der Begriff von Männlichkeit verändern, wird es echte Geschlechtergerechtigkeit geben.

JJ Bola, geboren in Kinshasa im Kongo, ist Autor und Aktivist. Im Alter von sechs Jahren flüchtete er dank der diplomatischen Verbindungen seines Großvaters mit seiner Familie. Er wuchs in London in einer Brennpunkt-Siedlung auf.

Der Autor JJ Bola ist überzeugt davon, dass unreflektierte Männlichkeitsbilder zu Gewalt, Attentaten und einem Hass auf Frauen führen, weil er es jahrelang selbst nicht anders erlebte. Mit seinem Buch versucht er Jugendlichen zu einem anderen Umgang mit Frauen und anderen Zugängen zu sich selbst und den Emotionen zu verhelfen.

Ergänzung am 18.Dezember 2020 nach den Kommentaren zu diesem Artikeln

Die Anmerkungen der Kommentatoren, dass der fehlende Vater als Rollenvorbild, also die fehlende oder mangelhafte (sichere) Vaterbindung der Kern des Problem mit dem männlichen Selbstverständnis ist. Diese Ansicht teile ich. Aber sie steht nicht im Widerspruch zum Buch „Sei kein Mann“. Im Gegenteil. Ich zitiere den Klappentext: „JJ Bola lädt in versöhnlichem Ton ein zum Gespräch zwischen verhärteten Fronten. Denn erst wenn sich auch die Männer und der Begriff von Männlichkeit verändern, wird es echte Geschlechtergerechtigkeit geben.“

Es kann sein, dass Bola die Vaterbindung in seinem Buch vernachlässigt oder grundsätzlich unterschätzt. Das kann man ihm Vorwerfen. Aber er hat andere Themen, die genauso wichtig sind und vielleicht nicht ganz so ernstgenommen werden. Wie Pornos glotzen, das männliche Körperbild oder „Männlichkeit als Schauspiel“. Denn – und davon erzählt er eben auch in diesem Buch – die Peer-Group, der Freundeskreis und die Freunde, das Umfeld spielt jenseits der Vater-Beziehung eine wichtige Rollen bei der Entwicklung des männlichen Selbstverständnisses. Klar.

Und reicht es, die Vaterbindung ins Zentrum zu stellen, wenn wir uns die Zahlen, die Bola auch anführt, noch einmal vor Augen führen:

  • Männer begehen ungefähr drei von vier Suiziden (76%).
  • Suizid ist die am weitesten verbreitete Todesursache bei Männern unter fünfunddreißig.
  • 87% der Obdachlosen sind Männer.
  • Männer sind dreimal so Anfällig für Alkoholismus und auch dreimal so anfällig (wie Frauen) für häufigen Konsum von Drogen.
  • Männer stellen 95% der Gefängnisinsassen.

Vaterbindung ist sehr wichtig für Jungs, sie ist zentral. Daher auch dieser Blog www.papalapapi.de Aber sie ist lange nicht alles. Diese Bindung kann ersetzt werden und die heranwachsenden Bengel holen sich ihre Vorbilder dann eben von anderswo. Wir müssen alles in den Blick nehmen, nicht nur die Vaterbeziehung, um zu verstehen, warum Männlichkeit viel zu oft viel zu destruktiv gelebt wird.

Fazit
Das Buch ist eine sehr wichtige Schrift über das Mannsein. Wie ich oben schon aufführte, ist es das beste Buch zum Thema Männlichkeit, dass ich seit Jahrzehnten gelesen habe. Bola hat den frischen Blick, den es bei diesem Thema braucht, um die Jungend mitzunehmen und wirklich Veränderung zu bewirken. Wir brauchen bessere Männer, bessere Väter, andere, konstruktive, lebensbejahende Männerbilder. Und dazu ist es wichtig, im Kleinen den Tatsachen der schädlichen Männlichkeit, des gewalttätigen Mannseins direkt ins Auge zu sehen und die Umstände und Voraussetzungen zu erhellen. Dann wird klar, was zu tun ist. Es hat was mit Gefühlen und Authentizität, mit Verantwortung und Menschlichkeit zu tun. Mit dem Unperfektsein und dem schwach, also menschlich sein dürfen. Die wahren Stärken von Männern liegen nicht in Aggression, Gewalt und Durchsetzungsfähigkeit, auf Erfolg und Rücksichtslosigkeit. Die wahren Stärken haben mit Fürsorglichkeit und Lebe zu tun, mit Gesprächsbereitschaft und Offenheit mit anderen frei zu diskutieren und sich selbst zu reflektieren. Reißt sie runter, die Masken der Unverletzbarkeit und der Härte und zeigt euer wahres Gesicht. Denn „erst wenn wir keine stereotypen Männer mehr sein müssen, können wir sein, wer wir möchten.

Sei kein Mann – Warum Männlichkeit ein Albtraum für Jungs ist

Buch hier kaufen
von JJ Bola
160 Seiten, hanserblau (17. August 2020)
ISBN 3446267980
Broschiert 16,- Euro

Leseprobe Sei kein Mann

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9 Comments

  1. uepsilonniks 17. Dezember 2020 at 07:37

    Nein nein nein. Männlichkeit ist nicht der Alptraum, Männerfeindlichkeit ist es, mit welcher man u.a. von toxischer Männlichkeit faselt und damit strukturelle Benachteiligung und Gewalt gegen Männer leugnet.

    Reply
    1. Papalapapi 17. Dezember 2020 at 14:12

      Ich finde deinen Kommentar nicht in Ordnung. Erstens beziehst du dich nicht auf das Buch und zweitens bist du nicht informiert, wer welches Unheil in dieser Welt hauptsächlich anrichtet. Es sind Männer. Überall. Und das liegt an dem Männerbild, mit dem wir aufgezogen werden oder das wir aus unserer Kultur übernommen haben. Das ist hier mein Thema. Auch Männer sind Opfer – aber insbesondere durch andere Männer. Darum geht es.

      Deine Idee, dass die armen Männer Opfer von Frauen sind, ist unerträglich. Aber das ist ein anderes Theme und definitiv nicht das Thema dieses Buches. Insofern ist dein Kommentar daneben. Seh mal von dir und deiner sicher schlimmern Erfahrung ab und schau über den Tellerrand. Hier sind wir. Hallo.

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        1. Papalapapi 17. Dezember 2020 at 22:47

          Ich sehe nicht, dass diese Lektüre an dieser Stelle eine Rolle spielt oder hilft, das Buch zu lesen.

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      1. Billy Coen 17. Dezember 2020 at 20:31

        „Deine Idee, dass die armen Männer Opfer von Frauen sind, ist unerträglich.“

        Wo schreibt er das in seinem Kommentar? Aber…

        „Erstens beziehst du dich nicht auf das Buch und zweitens bist du nicht informiert, wer welches Unheil in dieser Welt hauptsächlich anrichtet. Es sind Männer. Überall.“

        Es sind und waren aber auch Männer, die in lebensgefährlichen Situationen Helfer sind. Nahezu alle Erfindungen wurden von Männern gemacht. Es sind Männer, die Frauen und Kinder beschützen. Warum wird das so leicht unter der Überschrift „Sei kein Mann“ verleugnet? Wenn ein Buch so betitelt wird und sich dann mit allerlei negativen MENSCHLICHEN Eigenschaften auseinandersetzt, werden diese Eigenschaften auf Männlichkeit projiziert und dadurch gleichermaßen Männlichkeit auf eben diese negativen Eigenschaften reduziert. DAS ist toxisch.

        Und wenn wir schon das billige „wer ist für was verantwortlich“ spielen wollen, dann informiere dich bitte mal über die Verhältnisse bei Gewalt gegen Kinder! Fändest du ein Buch, welches sich mit der Gewalt weiblicher Täter gegen Kinder befasst und mit „Sei keine Frau“ betitelt ist, auch so großartig oder nicht doch eher auch „fürchterlich“, einer Einschätzung, die ich übrigens dann teilen würde, ich bin aber auch so ehrlich, das in die andere Richtung ebenso zu sehen.

        PS: dass der Autor schwarz ist, könnte unter Umständen, wenn man sich von feministischen Dogmen befreit, wirklich interessante Aspekte zu Tage fördern. In schwarzen Armutsvierteln korrelliert die dortige „toxische Männlichkeit“ nämlich auffällig mit flächendeckender Vaterlosigkeit, also eben gerade dem Fehlen von männlichen Rollenbildern in der Kindheit vieler Jungen. Auch das sollte man mal bedenken, statt sich wohlig in lieb gewonnene wie gleichermaßen unterkomplexe Erklärungsansätze mit einem netten Touch von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit einzukuscheln…

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        1. Papalapapi 17. Dezember 2020 at 22:43

          Ich würde hier nicht mit zu vielen Klischees operieren. Es geht um das Buch und eine bestimmte Art von Männerbildern, die mir sofort einleuchten und die auch in vielen Facetten im Buch beschrieben werden.

          Das bedeutet ja nicht, dass es nicht auch die beschützende Männlichkeit gibt. Aber auch in gewalttätigen Familienclans und in der Mafia beschützen dich gewalttätige Männer. Es geht um das subtile, nicht so greifbare, schwabernde Männerbild, die das vorherrschende Rollenmodell, das hinterfragt wird. Und es sind andere Rollenmodelle oder bestimmte haben sich deutlicher in der Vordergrund geschoben.

          Es geht hier aber nicht um Gewalt gegen Kinder – die ganz sicher weltweit überwiegend von Männern ausgeführt wird, was nicht heißt, dass nicht auch Frauen gewalttätig sein können oder es auf ihre Weise auch sind. Mörder, Vergewaltiger, Verbrecher sind nun mal überwiegend männlich. Das ist Fakt.

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      2. weiss_auch_nicht 17. Dezember 2020 at 22:19

        „Und das liegt an dem Männerbild, mit dem wir aufgezogen werden“

        Aufgezogen von wem?

        Sehr viele jungen Männer haben in den ersten 10-20 Jahren ihres Lebens fast ausschließlich mit alleinerziehenden Müttern und LehrerINNEN zu tun. Männliche Vorbilder sind nicht vorhanden.

        Und genau diese Männer sind drastisch überrepräsentiert unter den Männern, die andere Menschen zu Opfern machen.

        —–
        Aus vaterlosen Familien stammen
        71 % der schwangeren Teenager,
        90 % aller Ausreißer und obdachlosen Kinder,
        70 % der Jugendlichen in staatlichen Einrichtungen,
        85 % aller jugendlichen Häftlinge,
        71 % aller Schulabbrecher,
        75 % aller Heranwachsenden in Drogenentzugszentren,
        88 % aller verhaltensgestörten Kinder und Jugendlichen.

        Quelle: DER SPIEGEL 47/1997, S. 90, „Der entsorgte Vater“
        —-

        Das Problem ist nicht zu viel oder zu traditionelle Männlichkeit.
        Das Problem ist zu wenig Männlichkeit.

        Und Du nennst andere „nicht informiert“…

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        1. Papalapapi 17. Dezember 2020 at 22:47

          Wenn das so einfach wäre. In der Familienkultur, aus der JJ Bola stammt, gibt es viel mehr männliche Rollenvorbilder als nur den Vater. Und selbst wenn der Vater fehlt, es gibt im Leben jedes Jungen auch alternative männliche Rollenvorbilder – der Nachbar, Lehrer, Bruder, Onkel, Film- oder Popstar, Opa, Cousin.

          Es geht hier um das beschriebene Buch und der junge Blick auf die Sache. Das Buch lohnt sich, auch wenn ich das vielleicht zu einseitig sehe oder bestimmte Aspekte überbetone.

          Und was ist denn Männlichkeit? Les in dem Buch, was da auf den Autor eingewirkt und was er beobachtet hat. Möglichst vorurteilsfrei.

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  2. Pingback: [Rezension] Sei kein Mann – Mein Lesezeichen Blog

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