Deutschland sucht den Superstar – Schlimmer gehts nimmer

Seit vergangenen Samstag heißt es wieder Deutschland sucht die Superstar (DSDS). Die Mutter aller deutschen Casting-Show sucht zum siebten Mal genug Doofe, die sich vor den Kameras verheizten lassen. Zumeist sehr, sehr junge Menschen – manchmal Kinder noch – mit ihren großen, aber naiven Träumen von Berühmtsein, von Anerkennung, Bewunderung und Reichtum, liefern sich einer gnadenlosen Öffentlichkeit aus, deren König Dieter Bohlen ist. Es wird wieder viele Verletzte geben und am Ende, wie Arno Frank auf SPIEGEL ONLINE feststellt, keinen Sieger. Können und sollen wir unsere Kinder davor schützen?

Wer kennt eigentlich noch … ehm, oh, vergessen. Egal. Und ist euch schon einmal aufgefallen, dass wir viele DSDS-Kandidaten im RTL-Dschungelcamp wiederfinden? Etwas der/die/das unsägliche Lorielle London, die tränenreiche Aufgeberin Lisa Bund oder die Bandmitglieder von Bro´sis, die allerdings bei Popstars – dasselbe wie Deutschland sucht den Superstar nur in Grün – gecastet wurden.

Während beim sich „RTL-Dschungelcamp“ Medienprofis für relativ viel Geld und eine Menge Medienaufmerksamkeit (RTL kooperiert hier mit der BILD) bloßstellen, verspotten und zum Affen machen lassen – was durchaus unterhaltsam und amüsant ist, da lästern hier erlaubt ist – werden in den Casting-Shows Newcommer verheizt … und ausgebeutet. Zumeist völlig unerfahren im angestrebten Beruf und diesem Teil der Medien-Branche, könnten sie überhaupt nicht einschätzen, was da auf sie zukommt. Von Heidi Klums verachtenswerten GERMANY´S NEXT TOPMODEL bis eben zu Deutschland sucht den Superstar werden junge Menschen gnadenlos ausgebeutet.

Ich erinnere mich noch gut an Lisa Bund, die bei „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus“ einen Nervenzusammenbruch erlitt und ihre „wahre“ Motivation ins Dschungelcamp zu gehen, offenlegt. Sie war abgeschrieben und wollte alles zeigen, dass sie es kann, dass sie etwas drauf hat, wollte zurück in die Öffentlichkeit. Sie hatte NICHT gesagt, sie wollte endlich wieder nur Musik machen und singen, der Rest würde sich schon finden. Heißt: Die Aufmerksamkeit der Medien und das „Starsein“ war ihr wichtiger als Musik. Und davon ist bei alles DSDS-Kandidaten auszugehen – sonst würden sie sich dieses Prozedere nicht antun. Und deshalb kann ich diese jungen Menschen nicht als Musiker und Künstler ernst nehmen.

Da die Kandidaten bei Deutschland sucht den Superstar in Maßen auftreten und so dermaßen jung sind, früchte ich um meine Tochter. Ich kann mir kaum etwas Schlimmeres vorstellen, als dass Sie den dringenden Wunsch verspürt, dort mitzumachen und aufzutreten. Dereinst. Später. Und ich setzte zunächst alles auf die Hoffnung, dass es diese Casting-Show in 16 Jahren nicht mehr gegen wird. Meiner minderjährigen Tochter würde ich um keinen Preis der Welt erlauben, bei einem solchen Scheiß mitzumachen.

Diese Casting-Shows sind natürlich Phänomene unserer Zeit und haben nur am Rande mit Unterhaltung zu tun. Es geht schlichtweg um Geld, um knallharten Profit. Und um Werbung, Image, Reputation. Fragt sich nur, für wen. Das schneiden die wenigsten jungen Menschen mit, ja oftmals nicht einmal die älteren, die Erziehungsberechtigten oder Eltern. Es dreht sich um puren Narzissmus, die Huldigung und Befeierung des Ichs – Im Alltagsverständnis ist dementsprechend ein Narziss ein Mensch, der sich sehr auf sich selbst bezieht und dabei andere (Menschen, Natur usw.) vernachlässigt. Narzissmus ist übertriebene Selbstsucht, bedingt also Egoismus und Egozentrik. Quelle: Wikipedia

Wer als junger Erwachsener richtig geil ist auf diese gigantische Aufmerksamkeit bei Deutschland sucht den Superstar, muss an dieser Stelle ein Defizit haben. Er oder sie hat entweder zu wenig Zuneigung, Anerkennung und Wertschätzung von den Eltern und der näheren Umgebung in der Kindheit erhalten oder zu viel; oder war ständig der Mittelpunkt einer Gemeinschaft, deren erwachsene Mitglieder mit solchem Verhalten die eigene Zukurzgekommenheit kompensierten. Irgend etwas MUSS schief gelaufen sein. Und in der Tat stammen viele DSDS-Kandidatens nicht gerade aus „guten“ Verhältnissen.

Das Selbst, das Ich ist das goldene Kalb der Postmoderne, der Mediengesellschaft. Ja, die Wirklichkeit, die dieses Ich eigenlich wahrnehmen, verarbeiten, wiedergeben und darauf angemessen reagieren soll, ist geprägt und eingefärbt von „den Medien“, also nur noch ein Bild, ein Abklatsch der realen Realität. Und so auch diese Ichs. Man wird ja nur einen Augenblick lang bewundert, für seine Leistungen oder sein Aussehen geliebt, bekommt Anerkennung und Aufmerksamkeit wegen seiner großen Klappe. Aber in dieser Umgebung niemals und unter keinen Umständen um seiner Selbst willen!

Grafitti: Dieter Bolhen IconUnd dem soll ich meine Tochter ausliefern? Das soll ich fördern, weil mein Tochter unbedingt diesen heillosen, oberflächlichen Zirkus betreten will? Weil mein Töchterchen meint, der süße Honig der medialen Beklatschung würde gut zu ihrem Mund passen, ein durch Ruhm und Geld aufgeplustertes Ego würde sie vor Verletzungen schützen und sei deshalb ihre eigene Seele wert, die sei als Einsatz auf den Bohlen-Altar darzubringen bereit ist, spure ich noch lange ich. Auch wenn es heißt,ich als Vater müsse sie darin unterstützen, ihre eigenen Erfahrungen zu machen, lehne ich den Weg über Castings-Shows im Trash-TV ab!

Irgendwann fragt man sich ernsthaft, warum RTL diesen Aufwand betreibt. Wäre die Verfütterung lebendiger Wirbeltiere nicht verboten, RTL könnte auch den einstündigen Todeskampf eines Meerschweinchens senden, das von einer Schlange gefressen wird – und damit immer noch erfolgreicher sein als die Konkurrenz, so Arno Frank in seinem schon erwähnten SPIEGEL-Artikel „Deutschland sucht den Superstar“ – Im Ozean des Elends.

Genial schreibt Frank weiter: Nicht verboten und überdies viel lustiger ist es, verängstigte Gestalten in die soziale Vernichtung stolpern zu lassen. Denn eigentlich funktioniert „Deutschland sucht den Superstar“ nicht anders als ein Fischkutter. Die Sendung navigiert die Oberfläche unserer Gesellschaft und durchkämmt mit ihrem Grundnetz in lichtlosen Tiefen den Schlamm nach allem, was im Bodensatz so kreucht und fleucht.

Dort kreucht und fleucht einiges, sieben Staffeln haben den Ozean des Elends nicht leerfischen können. Beute bleibt Beute. Sie wird aufgescheucht, eingefangen und mit der hydraulischen Kraft der Ruhmsucht zu Tage gefördert, um oben, noch zappelnd und nach Luft schnappend, auf der Schlachtbank der öffentlichen Schande ausgekippt zu werden.

Bei „DSDS“ wird Häme in Zeitlupe wiederholt und Erniedrigung in Großaufnahme gezeigt – Schadenfreude als parapornografisches Erlebnis … Exemplarisch kommt der vulgäre Sozialdarwinismus zum Vorschein, als Nummer 7456 zur Gitarre greift. Der Kandidat aus der Schweiz ist süß, aber Maurer von Beruf. Bohlen: „Also, Maurer sind doch die, die so die Steine aufeinandersetzen, oder? Warst du so scheiße in der Schule?“ War er womöglich, singt dann aber mit der schluchzenden Soulstimme, die man bei „DSDS“ so liebt, und kommt weiter.

Zur Hinrichtung am Galgen gehört indes mindestens ein Stuhl, den man wegtreten kann. Für die nötige Fallhöhe sorgen die Einspielfilmchen, in denen die Delinquenten noch hoffnungsvoll ungelenk herumalbern, intime Geständnisse ausplaudern oder die sterbenskranke Mutter vorführen dürfen, bevor es ihnen an den Kragen geht, weil: an den Kragen geht es ihnen immer. Das muss jedem klar sein, der hier eintritt. Höhnischer als mit den Verlierern geht man bei „DSDS“ nur mit den Gewinnern um. Die Preisfrage für das obligatorische Telefonquiz (50 Cent die SMS) lautet diesmal: „Wer gewann die letzte DSDS-Staffel? a) Peter Pan oder b) Pietro Lombardi“.

Mehr gibt es dazu nicht zu sagen!

Foto: Silvia Superstar aus Spanien Bestimmte Rechte vorbehalten von Alterna2

Über Papalapapi
Kind und Tochter und Papalapapi, Vater & Mann. Vaterblogger, Elternbloger, Männerblogger schreibt über alle Themen rund ums Kinderhaben aus seiner subjektiven männlichen und väterlichen Sicht. Und auch über das Mannsein in unserer Gesellschaft.

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