„Nö. Eine Anstiftung zum Neinsagen“ von Maike Schöfer ist ein wütendes, direktes und zugleich tiefgründiges Buch über eine der schwierigsten Übungen im Leben: klare Grenzen zu setzen. Die Berliner Pfarrerin und Sinnfluencerin verbindet persönliche Erfahrungen mit feministischer Theorie, Kulturgeschichte und Theologie. Herausgekommen ist ein Buch, das sich vor allem an Frauen richtet – aber Fragen aufwirft, die alle betreffen.
Warum können manche Menschen nicht klar Nein sagen? Welchen Preis zahlen sie dafür? Und wie verändert ein selbstbewusstes Nein Beziehungen, Arbeitswelt und das eigene Leben?
Worum geht es in „Nö“?
Schöfer erzählt von ihrem eigenen Weg: weg von der braven Tochter, die allen gefallen will, hin zu einer Frau, die selbstbewusst Nein sagt – zu Schönheitsidealen, People Pleasing, Hustle Culture und patriarchalen Rollenerwartungen. Das Buch ist voller popkultureller Referenzen (Spice Girls, Billie Eilish), feministischer Analyse und theologischer Reflexionen.
Die zentrale These: Viele Menschen – besonders Frauen – können nicht klar Nein sagen, weil sie sozial darauf trainiert wurden, lieb, freundlich und gefällig zu sein. Das zeigt sich in unbezahlter Care-Arbeit, die einfach „mitgemacht“ wird, im Aushalten von übergriffigem Verhalten oder im ständigen Zurückstecken eigener Bedürfnisse.
Schöfers wichtigste Botschaft: Jedem Nein geht ein Ja voraus – nicht zu anderen, sondern zu sich selbst. Wer Nein sagt, behauptet die eigene Würde, Autonomie und Selbstbestimmung.
Neinsagen in der feministischen Theorie
In der feministischen Literatur gilt Neinsagen als grundlegender Akt der Emanzipation und des Widerstands gegen Unterdrückung. Die feministische Bloggerin Laurie Penny nennt „Nein“ das „stärkste Wort im dialektischen Arsenal einer Frau“. Philosophin Sara Ahmed formuliert es so: Unterdrückung bedeutet, „des Neins beraubt zu sein“.
Feministische Theorie versteht Neinsagen aber nicht nur als individuelle Entscheidung, sondern als politischen Akt. Es geht nicht nur darum, ob jemand formal „Nein“ sagen darf, sondern ob diese Person die Macht hat, gehört zu werden. Ein Nein bleibt oft wirkungslos – nicht weil es nicht ausgesprochen wurde, sondern weil Machtverhältnisse es unwirksam machen.
Geneviève Fraisse unterscheidet zwischen „Wahl“ (Konsens, der akzeptiert wird) und „Zwang“ (Konsens, der ertragen wird). Feministische Ethik fordert daher eine Konsenskultur, die Machtverhältnisse, Prekarität und kollektive Verantwortung mitdenkt.
Warum fällt Neinsagen so schwer?
Schöfer zeigt: Menschen, die sozial darauf konditioniert wurden, Konflikte zu vermeiden und anderen zu gefallen, verlieren oft den Zugang zu ihren eigenen Grenzen. Sie lernen, Unbehagen auszuhalten statt es zu benennen. Sie verhandeln mit sich selbst, statt klar zu kommunizieren.>
Das betrifft besonders Frauen, aber nicht nur sie. Die Mechanismen – Anpassung, Harmoniebedürfnis, Angst vor Ablehnung – wirken überall dort, wo Menschen in Abhängigkeitsverhältnissen stehen oder gelernt haben, die Bedürfnisse anderer über die eigenen zu stellen.
Was bedeutet ein klares Nein für Beziehungen?
Ein selbstbewusstes Nein verändert Beziehungen grundlegend. Wenn Menschen klar kommunizieren können, verschwinden versteckte Erwartungen, schwelendes Missverstehen und angestauter Groll. Beziehungen werden ehrlicher, weil beide Seiten wissen, woran sie sind.
Schöfer betont: Wer lernt, Nein zu sagen, lädt andere nicht zur Rücksichtslosigkeit ein – im Gegenteil. Ein klares Nein schafft Vertrauen, weil das Ja dadurch echte Bedeutung bekommt. Offene Kommunikation über Bedürfnisse und Grenzen stärkt Intimität und führt zu erfüllteren Beziehungen.
Nein als Selbstschutz und Selbstachtung
Das Buch macht deutlich: Neinsagen ist kein Egoismus, sondern Selbstschutz. Wer ständig Ja sagt, obwohl innerlich ein Nein schreit, zahlt einen hohen Preis – in Form von Erschöpfung, Resignation oder dem Gefühl, fremdbestimmt zu leben.
Sara Ahmed formuliert: „We must stay unhappy with this world“. Das bedeutet: sich gegen Erwartungen zu stellen, die Menschen auf Anpassung und Selbstaufgabe festlegen. Neinsagen wird zur Übung in Selbstbehauptung und zur Zurückweisung von Fremdbestimmung.
Für wen lohnt sich „Nö“?
Für alle, die verstehen wollen, warum klare Grenzen, ehrliche Kommunikation und gegenseitiger Respekt so wichtig sind. Das Buch ist feministisch, queer und widerständig – aber seine Kernbotschaft ist universell: Selbstbestimmung beginnt mit dem Mut, Nein zu sagen.
Wer selbst Schwierigkeiten hat, Grenzen zu setzen, findet hier Erklärungen und Ermutigung. Wer verstehen will, warum manche Menschen nicht klar Nein sagen können, bekommt Einblicke in Machtverhältnisse, Sozialisation und strukturelle Barrieren.
„Nö“ ist kein Ratgeber mit Schritt-für-Schritt-Anleitung – es ist ein Manifest, eine Anstiftung, eine Einladung zur Widerständigkeit. Und genau das macht es absolut lesenswert.
Nö – Eine Anstiftung zum Neinsagen
Autorin: Maike Schöfer
Verlag: Piper Verlag
Erscheinungsjahr: 2025
Format: Paperback und E-Book
Seitenzahl: 224 Seiten
ISBN Paperback: 978-3-492-06880-2
Preis Paperback: 16,00 €
Preis E-Book: 15,99 €
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