Unter Wert: Wie Care-Arbeit entwertet wurde und wie wir das heute ändern können

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Unter Wert

Emma Holten legt mit Unter Wert ein Buch vor, das nicht nur ärgert, sondern aufrüttelt. Sie zeigt, wie unsere Gesellschaft die Arbeit unterschätzt, die uns eigentlich trägt: Sorgearbeit. Präzise, historisch fundiert und politisch aktuell öffnet sie ein Fenster in eine Zukunft, die gerechter sein könnte – wenn wir uns trauen, die Ökonomie neu zu denken.

Care-Arbeit: Das Fundament, das in keiner Rechnung auftaucht

Holten zeigt mit analytischer Schärfe, dass Care-Arbeit seit Jahrhunderten ökonomisch entwertet wird – obwohl sie unser Leben zusammenhält. Tätigkeiten wie Putzen, Kochen, Pflegen, Kinder begleiten, zuhören, emotional präsent sein – sie alle sind „systemrelevant“, aber eben nicht systembelohnt. Genau diese strukturelle Unsichtbarkeit prägt bis heute unsere Berufs- und Familienmodelle.

Es geht nicht nur um Hausarbeit. Das Buch arbeitet heraus, wie tief auch emotionale Fürsorge, Beziehungsarbeit, Zeitaufwand, Support und mentale Last im Verborgenen bleiben – obwohl sie Wohlbefinden, Gesundheit und gesellschaftliche Stabilität erzeugen.

Die große ökonomische Blindstelle

Holten argumentiert, dass klassische Ökonomie Care-Arbeit schlicht ausspart. Die Folge: Staaten täuschen sich selbst über ihren Wohlstand hinweg. Wenn Milliarden Stunden unbezahlter Sorgearbeit nicht im Bruttoinlandsprodukt auftauchen, entsteht ein verzerrtes Bild von Wirtschaftskraft und Produktivität. Genau hier fordert Holten einen Paradigmenwechsel: Investitionen statt Kosten. Kinderbetreuung, Pflege und soziale Berufe müssten wie Infrastruktur gesehen werden – nicht als belastender Haushaltsposten.

Der politische Vorschlag ist klar: Staaten sollten Care-Arbeit so fördern wie Straßenbau oder Industriezentren. Dazu gehören hochwertige Betreuungssysteme, faire Löhne, staatliche Investitionen und ein neues Verständnis von Wert.

Patriarchat und Ökonomie – zwei Seiten derselben Medaille

Holten belässt es nicht bei ökonomischer Kritik. Sie zeigt, wie patriarchale Strukturen Care-Arbeit systematisch Frauen zuschieben: durch Rollenerwartungen, Teilzeitfallen, kulturelle Zuschreibungen. Männer profitieren – aber sie zahlen auch einen Preis: emotionale Enge, Rollendruck, fehlende Fürsorgekompetenzen. Die feministische Ökonomie betrachtet deshalb Care nicht als „Frauenthema“, sondern als gesellschaftliche Aufgabe, an der Männer aktiv mitarbeiten müssen.

Holten geht so weit, eine „Geschlechter-Revolution“ zu fordern: Männer sollen deutlich mehr Sorgearbeit übernehmen – nicht als Geste, sondern als strukturelle Veränderung, die Teilzeitfalle und Karriereknick für Frauen auflöst.

Was dieses Buch so stark macht

Holten verbindet persönliche Beobachtung, gesellschaftliche Analyse und politische Vision. Sie schreibt leidenschaftlich, ohne pathetisch zu werden; wissenschaftlich, ohne belehrend zu wirken. Es ist ein Buch, das nicht in der Theorie hängen bleibt, sondern konkrete Beispiele liefert:
– alltägliche Care-Tasks, die niemand als Arbeit anerkennt
– soziale Berufe, deren Beziehungsarbeit unterbezahlt bleibt
– historische Mechanismen, die Fürsorge entwertet haben
– politische Reformvorschläge von Kinderbetreuung bis Pflegefinanzierung

Allein die nüchterne Zahl der global geleisteten unbezahlten Frauenarbeit – 72 Milliarden Stunden jährlich – zeigt, wie verzerrt unsere Vorstellung von Produktivität ist.

Resonanz und Kritik

Die Reaktionen sind überwiegend begeistert. Medien loben die Klarheit und die Dringlichkeit des Buches; viele Rezensenten sprechen von einem „Augenöffner“, der ökonomische Debatten endlich menschlicher macht.

Ein Kritikpunkt: Manche historische Zuspitzung sei etwas schematisch, etwa wenn Holten über Aufklärung oder Mittelalter schreibt. Doch selbst dort bleibt die Argumentation stabil.

Warum dieses Buch Männer betrifft

Für einen Männerblog ergibt sich eine besondere Relevanz: Holten macht deutlich, wie stark männliche Biografien von der Abwertung der Fürsorge geprägt sind. Nicht nur Frauen verlieren. Auch Männer verlieren Bindung, emotionale Souveränität, familiäre Präsenz und ein Verständnis von Arbeit, das über Geldverdienen hinausgeht.

Diese Perspektive, die du in deinen Blogprojekten ohnehin stark machst, wird hier wissenschaftlich und politisch präzise untermauert.

Ein Buch, das Veränderung will – nicht nur Erkenntnis

Unter Wert ist kein rein analytisches Sachbuch; es ist ein Reformbuch. Holten zeigt konkrete politische Schritte, von staatlichen Investitionen bis zur Neuverteilung der Sorgearbeit. Sie fordert eine Gesellschaft, die nicht länger auf Kosten ihrer fürsorglichen Mitglieder funktioniert.

Es trifft den Nerv der Zeit – nicht nur wegen der Care-Krisen, sondern auch wegen der Frage, wie wir als Gesellschaft menschlich bleiben wollen.

Unter Wert: Warum Care-Arbeit seit Jahrhunderten nicht zählt

Emma Holten
dtv Verlag
Erscheinungsjahr 2025
Hardcover, 288 Seiten
ISBN 978-3-423-28464-6
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Leseprobe Unter Wert

Über die Autorin Emma Holten

Emma Holten ist eine der prägnantesten Stimmen der jüngeren feministischen Ökonomie. Bekannt wurde sie in Dänemark zunächst als Aktivistin, später als Publizistin, die patriarchale Strukturen nicht nur analysiert, sondern in ihren biografischen Kontext stellt. Sie schreibt zugänglich, hochreflektiert und politisch pointiert – immer mit dem Anspruch, gesellschaftliche Blindstellen sichtbar zu machen. In Unter Wert verbindet sie ihre Erfahrung aus Aktivismus, Medienarbeit und wissenschaftlicher Auseinandersetzung zu einem Buch, das ökonomische Theorie, politische Analyse und persönliche Haltung ungewöhnlich klar zusammenführt. Holten lebt in Kopenhagen und arbeitet an der Schnittstelle von Gleichstellung, Ökonomie und demokratischer Teilhabe.

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Papalapapi

Ich heiße Mark und bin Vater einer wundervollen Tochter. Papalapapi Vaterblogger, Elternblogger und Männerblogger beschäftigt sich mit Themen rund ums Kinderhaben und Mannsein aus einer subjektiven männlichen und vor allem väterlichen Sicht.

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