Ist „russische Erziehung“ Ursache der Gewalt?

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Die Ursachen für den verbrecherischen Überfall auf die Ukraine durch Putin sind vielfältig und komplex. Vielleicht aber auch ganz einfach, weil der Kreml-Herrscher ein lupenreiner Psychopath ist. Für mich aber ist es ausgemacht, dass auch die russische Erziehung bei der Bösartigkeit der russischen Streitkräfte eine unheilvolle Rolle spielt. Es sieht so aus, als wären die Erziehungsmethoden noch sehr stark von der Schwarzen Pädagogik beeinflusst. Schauen wir uns das mal an.

Nun bin ich weder Experte für Erziehung und kein Pädagoge, und kenne mich auch mit der russischen Kultur nicht sehr gut aus. Aber was ich beobachte und hier und dort mal aufschnappe, ist Gewalt in der Erziehung in Russland kein Tabu. Irgendwoher muss das Matchotum, die toxische Männlichkeit, der weit verbreitete Alkoholismus und die genauso verbreitete häusliche Gewalt ja kommen. Und auch das Putin faschistoide Züge trägt, wenn er behauptet, ein Russe wäre ein Sieger und könne niemals verlieren. Die Ursache dafür muss die russische Erziehung sein.

Nur um das klarzustellen: Natürlich gibt es auch bei uns zu viel Gewalt gegen Kinder. Aber grundsätzlich ist es bei uns kein Bestandteil einer normalen, gesunden und liebevollen Erziehung.

Schläge als äquates Mittel zur Erziehung

Die konservative Abgeordnete und Vorsitzende des Familienausschusses, Jelena Misulina, hatte das Gesetz initiiert. Ihr Argument: Ein Gefängnisaufenthalt wegen eines simplen «Klapses« verschlechtert lediglich das Familienklima. «Das ist ein familienfeindlicher Zustand«, argumentierte sie im Parlament. Denn: Schläge seien ein adäquates Mittel zur Erziehung – und entsprächen der russischen Familientradition. «Wir wollen nicht, dass man zwei Jahre im Gefängnis sitzt, nur weil es einmal einen Klaps gegeben hat.»

Ihrer Ansicht nach hätten zum Beispiel Eltern in vielen Fällen gar keine andere Wahl als die Kinder mit Gewalt auf den richtigen Weg zu bringen. «In Russland basieren die Familienwerte auf der Autorität der Eltern», sagt Misulina. Das neue Gesetz solle diese Tradition schützen. Auch die russisch-orthodoxe Kirche unterstützt das Gesetz. Körperliche Züchtigung sei «ein wichtiges Recht, das den Eltern von Gott gegeben worden ist», ließ die Kirche bereits im vergangenen Jahr verlautbaren. 1

Hier in Hamburg leben relativ viele russischstämmige Menschen. Vor allem sog. Spätaussiedler oder Russlanddeutsche leben in bestimmten Stadtteilen im Süden der Stadt. Als meine Tochter in dieser Gegen zum Reiten ging, konnte ich eine russlanddeutsche Familien kennenlernen. Der Familienvater war Ingenieur und ein kluger Kopf. Aber er war deutlich geprägt von der russischen Desinformation der russischen Kultur. Hier sind „Der Westen“ und die USA die Bösen, die es nicht gut mir Russland meinen und mindestens ebenso lügen und täuschen, gewalttätig und bösartig sind wie die Mächtigen im Kreml.

Nun kam es, dass seine Tochter, die im alter meiner Tochter ist, in der Schule etwas zurückfiel und in Mathematik schlechte Noten nach Hause brachte. Die erste Maßnahme war, dem Mädchen das Reiten zu nehmen. Sie durfte so lange nicht mehr reiten, bis sie mehr lernte und sich in der Schule verbesserte. Für mich ist das … Schwarze Pädagogik. Nicht, dass diese Familie gewalttätig wäre – obwohl ich davon ausgehe, dass die Kinder auch mal was an den Kopf kriegen. Für mich ist das nicht in Ordnung, einer Grundschülerin etwas zu nehmen, was sie liebt, nur weil sie sich nicht genug anstrengt in der Schule. Aber nun, dieses Beispiel für russische Erziehung ist ja noch harmlos, deutet aber in eine bestimmte Richtung.

„Wenn er dich schlägt, liebt er dich.“ So könnte man ein viel zitiertes russisches Sprichwort übersetzen.

Dekoder 2

Jeder kann wissen, dass es eine gewisse Militarisierung der russischen Gesellschaft gibt. Nicht das einzige Erbe der Sowjet-Diktatur. Das bedeutet, dass Kindern, insbesondere Jungs, schon früh mit dem echten Militär in Berührung kommen. Die Neugier und Faszination der Jungen werden in Richtung Panzerfahren, Soldatentum, männliche Stärke und Gewalt gelenkt werden. Wir kennen das aus jeder autoritären Gesellschaft, aus jeder Diktatur. Ob das 3. Reich, die DDR, die Sowjetunion, Nordkorea oder China – alle eine die frühmilitärische russische Erziehung ihrer Jugend.

Und wenn man aus den Jungs Soldaten machen will, dann schaden weder Klapps, noch Prügel. Das lehrt sie Gehorchen, macht sie stark und kampffähig aus Sicht der Erwachsenen. Ist es das was in Russland geschieht? Ist der Angriffskrieg auf die Ukraine das Ergebnis dieser Kultur? Russische Erziehung als Ursache für Tod und Verderben? Es ist so aus.

„Waisenhaus“-System beenden

Der 93-seitige Bericht „Abandoned by the State: Violence, Neglect, and Isolation for Children with Disabilities in Russian Orphanages” dokumentiert, dass viele Kinder und Jugendliche mit Behinderung, die in staatlichen Waisenhäusern leben oder lebten, dort Opfer von schwerem Missbrauch und Vernachlässigung durch das Personal wurden. Die Entwicklung der betroffenen Kinder wurde hierdurch nachhaltig beeinträchtigt. Einige der Kinder, mit denen Human Rights Watch Interviews führte, berichteten, vom Personal des Waisenhauses geschlagen, mit Betäubungsmitteln ruhig gestellt worden und für Tage oder Wochen am Stück in psychiatrische Kliniken gebracht worden zu sein. Diese Maßnahmen dienten dazu, die Kinder zu kontrollieren und zu bestrafen. 3

In der Sowjetunion war es irgendwann üblich, unliebsame Personen oder gar Regierungskritiker in der Psychiatrie unterzubringen. Das sah dann nach Außen so aus, dass man die Menschen nicht ins Gefängnis brachte, sondern in ein Krankhaus um ihnen zu helfen. Der menschenverachtende Missbrauch und Desinformation, am Ende staatliche Gewalt hat in Russland eine viel zu lange Tradition. Wie auch die Schwarze Pädagogik dort, wie es scheint, bisher nicht ausgearbeitet wurden. Die Kindern werden nicht zu Frieden und Verständigung erzogen, sondern zu stärke und Militär – zum Militarismus. Das ist die Quintessens der russischen Erziehung.

„Russische Erziehung“ als Synonym für Schläge und Gewalt

Ich möchte hier zum Thema „russische Erziehung“ aufzeigen, dass etwas nicht stimmt mit der russische Seele, dass sie krank ist, krank durch über 100 Jahre Lügen und Desinformation, Gewalt und Unterdrückung. Und dass es bei der Erziehung anfängt. Wie eine Kultur mit seinen Kindern umgeht, zeigt wie friedfertig, konfliktfähig und menschlich sie ist, wie stark, resilient und gerecht. Russland schneidet insgesamt sehr schlecht ab bei all diesen Dingen. Es ist eine Tragödie mit diesem Land, das so viel Unheil über die Menschen ausbreitet, aus dem in den letzten Jahrzehnten so viel Böses kommt. Wir können und sollten daraus lernen.

Gürtel und Riemen
Die meisten Russen können sich daran erinnern, in ihrer Kindheit mindestens einmal geschlagen worden zu sein. Für viele prägen diese Momente die Erinnerung und das ganze Leben.

Russia Beyond 4

Häusliche Gewalt in Russland

Dass Schläge als Erziehungsmaßnahme geduldet werden, hat in Russland eine lange Tradition. „Liebst du deinen Sohn, so bringe ihm häufig Wunden bei – und lobe ihn nicht danach. Strafe deinen Sohn von Jugend an und du wirst dich an ihm freuen in seiner Reife, unter deinen Freunden kannst du dich seiner rühmen, und deine Feinde werden dich beneiden“, heißt es schon im Domostroj, einem Gesetzeskodex aus dem 16. Jahrhundert, der bis ins 19. Jahrhundert im russischen Zarenreich maßgeblich war. 5

Misshandelte Kinder

Laut jüngsten Umfragen ist Gewalt in der Familie ziemlich normal. Frauen und Kinder sind die ersten Opfer dieser Art von Gewalt. Russland muss Bemühungen unternehmen, diesen Opfern zu helfen. Für misshandelte Frauen und Kinder existieren nur wenige Hilfseinrichtungen. 6

Häusliche Gewalt in Russland

Mike, Sohn einer mongolischen Ärztin, ist in Russland aufgewachsen, sehr verantwortungsbewusst, sehr reif und nicht überrascht von der Geschichte. „Das ist die gute russische Erziehung“, sagt er und deutet einen Faustschlag an. Er meint es offenbar als Kompliment. „In der Mongolei sind die Eltern ähnlich streng.“ Mir fällt schon länger auf, wie seltsam brav und unrebellisch die Kinder sind. Aber auch, wie wenig egozentrisch sie sind, wie höflich, altruistisch und respektvoll, und das wiederum ist eine beschämende Erkenntnis.

Die „gute russische Erziehung“, die ich fast überall außerhalb des verweichlichten Westens treffe, bleibt ein faszinierendes Mysterium, und ein manchmal düsteres. Eine ausgewanderte Niederländerin, die ich in Suriname traf, klagte sehr, wie die Kinder regelmäßig in der Schule von den Lehrern geschlagen würden. Und dass ihre Kinder (die vorher in den Niederlanden an einer Montessori-Schule waren, also wahrscheinlich den Kulturschock ihres Lebens bekamen) jetzt große Angst hätten, in die Schule zu gehen. 7

Die erste Version dieses Beitrags wurde am 13. März 2022, rund drei Wochen nach der russischen Aggression gegen die Menschen der Ukraine, veröffentlicht. Meine These, dass die russische Kultur, also die russische Erziehung der Kinder, der Militarismus, die häusliche Gewalt, die Armut, der Alkoholismus, Gewalt fördert und verursacht, wird von einem weiteren Artikel gestützt. Unter der Überschrift Russlands Krieg in der Ukraine – Woher kommen die Gewaltexzesse weist Autor/in „Juno Vai“ nach, dass Gewalt ein Bestandteil des russischen Alltags ist. Juno Vai nach  jahrelang in Russland gelebt und ist des Russischen mächtig, hat also einen echten Einblick in die Gesellschaft. Das, was ich mir aus Schilderungen, Artikeln und meiner Intuition zusammensetze, kommt der Realität also sehr nah.

Quellen

  1. Kinder schlagen erlaubt – das neue Gesetz in Russland
  2. Schläge als Privatsache?
  3. Russland: Kinder mit Behinderung Opfer von Gewalt und Vernachlässigung
  4. Ohrfeigen, Gürtel und dunkle Räume: Warum gehört Gewalt in Russland noch heute zur Erziehung dazu?
  5. Schläge als Erziehungsmaßnahme haben eine lange Tradition
  6. Kinder in Russland – Die Verwirklichung der Kinderrechte in Russland
  7. taz.de: Das ist die gute russische Erziehung
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