Streitkultur in Deutschland

Emotionen unerwünscht

In unserer Kultur ist Streit verpönt. Jedenfalls der leidenschaftliche Streit. Man ächtet den Heißsporn, die Leidenschaft, das südländisches Temperament, vielleicht weil man Angst vor Gefühlen hat, vor Lebendigkeit, vielleicht weil man sich überlegen fühlen, unbedingt die Kontrolle behalten will. Kommt es hierzulande zu ernsthaften Auseinandersetzungen die bis vor Gericht reichen, mit den Behörden, der Justiz oder anderen Autoritäten, dann hat ein Heißblut erst einmal schlechte Karten. Ich bin so ein Heißblut, gestikuliere leidenschaftlich, steigere mich in die Thematiken rein, kämpfe, rede, erhebe meine Stimme, zeige Gefühle, werde wütend, traurig, zerknirscht, aber auch fürsorglich, bereuend, nachgiebig. Ich habe mir sagen lassen, dass es in der Türkei ein Sprichwort dafür gibt: So aufschäumend, wie heiße Milch, die man einfach nur von der heißen Platte nehmen muss, damit sie schnell abkühlt. In unserer Kultur, so scheint es mir, ist die Heuchelei mehr wert, als ehrliche Gefühle.

Das ist erst einmal völlig wertfrei. Doch für den lange geübten Heuchler sind ja echte, leidenschaftliche Gefühle ein Affront. Der gemeine deutsche, der stets Autoritäten braucht, um durchs Leben zu finden, glaubt, mit einem, der südländischen Temperament hat, nicht reden zu können. Er kommt gar nicht auf die Idee, dass zum Reden, zu einem Dialog stets zwei (unterschiedliche) Menschen gehören und fühlt sich überfordert, wenn ein Gespräch mit vielen Gefühlen unterbaut wird. Das ist ihm zu anstrengend. Die kühle Strenge, die dir ohne mit der Wimper zu zucken den Kopf abreißt, ist die Sache des deutschen Kopfmenschen. Apparatschicks versus Emo-Lifestyle.

Wir kennen die Szenen aus den Parlamenten des Südens und machen die Menschen verächtlich, wähnen sie unzivilisiert und dumm, nur weil sie sich im Parlament eins auf die Schnauze hauen. Solche Szenen kennen wir aus Italien, der Türkei, Südafrika und der Ukraine. Aber alleine wie es im britischen Parlament zugeht, müsste uns Deutschen Angst und Bange machen. Die Briten, die Angelsachsen habe eine lange und sehr demokratische Debatten- und Streitkultur, die auch von scharfen und emotionalen – allerdings verbalen – Auseinandersetzungen nicht zurückschreckt.

Emotionen unerwünscht

Sehr schön ausgedrückt von Johanna Adorján in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung:
Hinzu kommt, dass Schweiger vom Temperament her eher aufbrausend ist. Das hält man hierzulande für eine Schwäche, und wenn jemand, wie Schweiger, auch noch eine eher straßennahe Sprache pflegt (Alter, Dicker, Respekt, Verpiss dich), wird das insgesamt als so etwas wie eine soziale Behinderung angesehen, als unverzeihlicher Kontrollverlust, mit dem sich der Benutzer solcher Ausdrücke selbst ins Unrecht setzt. Da zählt dann auch Inhalt nicht mehr – und auch nicht, wer da wofür beschimpft wird, weil die Formalien halt nicht eingehalten wurden, nein, da kann leider keine Ausnahme gemacht werden, da könnte ja jeder kommen, das hier ist Deutschland, baby.

Vor einigen Jahren bin ich mit dem Taxi vom Flughafen Köln/Bonn zum Phoenix-Fernsehstudio gefahren. Der Fahrer war ein Syrier und wir kamen ins Gespräch. Damals war der Bürgerkrieg in Syrien noch nicht ausgebrochen, aber in Ägypten kam es zu schweren Unruhen. Auf einmal schreit dieser Mann los und schimpft auf die „Moslembrüder“, dass ich glauben musste, er wäre komplett durchgeknallt. Er beruhigte sich zwar schnell wieder, es durfte nur nicht auf das Thema „Moslembrüder“ kommen. Das war ein Heißsporn, dagegen bin ich Mahatma Gandhi. Aber viele im südlichen Europa, in Arabien, der Türkei und Nordafrika sind so. Das ist dort ganz normal. Nur hier ist man eine Art Aussätziger.

Ich bin so ein Mensch, dem leicht mal die Emotionen durch die Brust springen und in Form von teils verletzenden Worten das feurige Gesicht verlassen. Ich bin damit im Nachteil, weil viele sich dadurch provoziert oder gar unterlegen fühlen. Ich bin also in diesem Land mit dieser Charaktereigenschaft fehl am Platze. Anderswo ist das ganz normal und nicht weiter der Rede wert. Weder im Parlament, noch vor Gericht und schon gar nicht bei privaten Streitereien wird man scheel angesehen, wenn man ist, wie man ist. Nur hierzulande ist Emotionalität unerwünscht. Gut, bei Künstlern und Unterhaltungsartisten lässt man das durchgehen. Sonst aber nicht. Weder im geschäftlichen, noch im privaten Bereich, weder vor Gericht, noch im Parlament, die einen müssen mit einem Shitstorm rechnen, die anderen mit groben Nachteilen bei der Rechtsprechung. Oder nicht?

Natürlich ist es nicht von Vorteil, mit großem Trara seine Meinung vorzutragen und anderen grob auf den Schlips zu treten. Wenn man seine Interessen vertritt und Kompromisse aushandelt, ist es vielleicht von Vorteil, ruhig und gelassen seine Wünsche vorzutragen und die Gegenargumente zu verarbeiten. Was aber wenn es ans Eingemachte geht? An Kind und Kegel? Wenn es um die Existenz geht, die Familie, die eigenen Kinder? Und wenn es große Ungerechtigkeiten, Lügen und Demütigungen gegeben hat? Wer will es jemanden, der vom Charakter her sehr emotional ist, verdenken, wenn er aufschäumt wie kochende Milch? Und bösartige Individuen versuchen ihm daraus einen Strick zu drehen. Damit muss man ihn einfach nur, wie die zu heiße Milch, von der Herdplatte nehmen.

Foto: Bestimmte Rechte vorbehalten von Mobilephotos@heidenstrom

Über Papalapapi
Kind und Tochter und Papalapapi, Vater & Mann. Vaterblogger, Elternbloger, Männerblogger schreibt über alle Themen rund ums Kinderhaben aus seiner subjektiven männlichen und väterlichen Sicht. Und auch über das Mannsein in unserer Gesellschaft.

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